2. Prolog
zum Schiller-Abend am 12. November 1904, von Fräulein Sophie Walther gedichtet.
E schwellt der Herbstwind frisch des Schiffes Segel, Das, auf des Maines Fluten talwärts fahrend,
Zum Rhein, nach Mainz, trägt Reisende aus Schwaben. Am Kiel des Schiffes stehen sie jetzt beide,
Der treue Freund und er, der blonde Jüngling,
Mit seiner Denkerstirne, seinem Auge,
Des traumverlorner Blick den Dichter kündet.
Sie nah'n der Stelle, wo des Maines Wasser
Sich widerstrebend in den Rhein ergiessen,
Wo bald des Domes schlanke Türme melden,
Dass hier das goldne Mainz sich stolz erhebet.
Des Jünglings Auge ruhet voll Entzücken
Und lange auf dem Bild, das sich ihm bietet.
„Ich hoffe wieder,“ spricht er zu dem Freunde,
Die Hand ihm drückend,„alles wird sich wenden“.
Sie steigen aus, sie wandern durch die Strassen Der altehrwürd'gen Stadt des Primas Deutschlands. Und als der Tag zum Untergang sich neiget,
Da stehen sie auf jener lichten Höhe,
Wo heute Mainzer Bürger sich ergehen,
An Luft und Licht und Blumenpracht sich freuend, Wo damals sich ein fürstlich Lustschloss zeigte. In Purpur scheint der Himmel rings getauchet, Und in des Rheines Fluten, die sich unten Smaragdengrün durch diese Landschaft wälzen, Zeigt sich ein glänzendheller goldner Streifen,
Als ob der Sonne letzter Strahl entzaubert
Die Schätze, die des Stromes Tiefe birget. Gleichsam gebannt die Wandrer steh'n und schauen.
„Die Welt ist mein!“ der blonde Jüngling rufet,
„Die Welt ist mein!“ sie können mich nicht zwingen,
Frei bin ich, frei und königlich geboren;
Mich hat die Muse auf die Stirn geküsset,
Und wie die Sonne dort die dunklen Fluten. In Lichtglanz taucht, hat jener Kuss entzündet


