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Bescheidenheit verbot es ihm, durch wissenschaftliche Vorträge oder Schriften die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich hinzulenken. Nicht minder widerstrebte ihm jede parteipolitische Tätigkeit, obwohl er für seine Person an Freud und Leid des engeren wie des weiteren Vaterlandes jederzeit den regsten Anteil nahm. Denn nicht zu den vielen gehörte Daub, die nur zu glänzen suchen in der Welt; wohl aber„sammelte er still und unerschlafft im kleinsten Punkte die höchste Kraft!“ Sein Beruf war das engbegrenzte Feld, auf dem er die schönsten Früchte unermüdlicher Tätigkeit im Dienste unserer weiblichen Jugend ernten durfte. Wie verstand er es doch, den gerade Mädchen oft etwas spröde erscheinenden Rechenstoff in einer ihrem Alter entsprechenden Form nahe zu bringen und so seinen Schülerinnen über die mannigfachen Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, von deren Vorhandensein der minder erfahrene Lehrer vielleicht unter Umständen gar keine Ahnung hat. Und welche Fülle von An- regungen bot Daub den Mädchen in seinen übrigen Stunden! Mochte er ihnen nun das Verständnis für die wichtigsten chemischen Zusammensetzungen und Vorgänge erschliessen, oder mochte er sie mit der Erde und ihren Ländern, dem Weltall und seinen Bestandteilen bekannt machen: alle Arten des Interesses wurden durch seinen mustergiltigen Unterricht geweckt, und dem unwiderstehlichen Einflusse des trefflichen Lehrers vermochte keine Schülerin auf die Dauer sich zu entziehen. Dankbare Verehrung ist darum auch das Gut, das Daub über das Grab hinaus in den Herzen derer sich gesichert hat, denen es vergönnt gewesen, als Schülerinnen von ihm sich belehren zu lassen.
Doch nicht diese allein haben den Wert des Heimgegangenen zu schätzen verstanden, sondern mehr wohl noch seine Kollegen und Kolleginnen, unter ersteren nicht zum wenigsten der Unterzeichnete selbst. Daub war ein durch und durch ehrenhafter Charakter, von einer Geradheit der Gesinnung, einer Lauterkeit des Wandels, einer Gewissenhaftigkeit im Dienste, wie sie leider nicht allzuoft im Leben uns entgegentreten. Kein Waunder, dass er bei so schätzenswerten Eigenschaften der Mann des allgemeinen Vertrauens war, das man ihm im weiteren wie im engeren Kollegenkreise in gleicher Weise gerne entgegenbrachte. Mit seiner stets von tiefer Einsicht zeugenden Meinung hielt er niemals hinter dem Berge zurück, sondern offen und nachdrücklich vertrat er jedem, auch seinem Vorgesetzten gegenüber, was er für recht erkannt hatte, selbst auf die Gefahr hin, dass er gelegentlich wohl einmal etwas herb in seinem Urteile erscheinen mochte. Doch in diesem nur seltenen Falle hätte gewiss niemand es gewagt, ihm ein freies Wort zu verübeln; denn zu sehr hatte man, während er es aussprach, die Überzeugung, dass es aus treuem, wohlmeinendem Herzen kam und immer nur der Sache, nie der Person gelten sollte. Zudem war Daub ein Mann, der im dienstlichen wie im ausserdienstlichen Verkehr in wohltuendster Weise stets die gehörigen Formen zu wahren wusste und schon allein darum nicht leicht mit anderen in Kollision geraten konnte. So lebte und wirkte er unter uns, seinem Direktor eine zuverlässige Stütze, ein treuer Berater seiner Berufsgenossen und-genossinnen, allen aber ein aufrichtiger, jederzeit hilfsbereiter Freund!
In den letzten Jahren seines Lebens sah sich Daub leider genötigt, dem geselligen Verkehre bis zu einem gewissen Grade aus dem Wege zu gehen; ein Herzleiden sowie im Zusammenhange damit das Bewusstsein, dass er alles tun müsse, um sich seiner durch die glücklichste Ehe mit ihm verbundenen Gattin— Kinder waren dem Paare nicht beschert— so lange als möglich zu erhalten, machten ihm grössere Beschränkung auf seine Häuslichkeit zur Pflicht. Wiederholter Besuch des Bades Nauheim schien das Leiden gehoben oder doch wesentlich gebessert zu haben.
Am 27. Juni durften wir Daub zum letztenmal unter uns weilen sehen. Mehrmals hatte er zwar vorher schon im gelegentlichen Gespräche mit einzelnen Kollegen über Unbehagen geklagt; das Pflichtgefühl hatte es ihm jedoch bis dahin verboten, zu dessen Beseitigung irgend etwas zu tun. Erst am folgenden Tage gelang es dem ernstesten Zureden der besorgten Gattin, den schwer Erkrankten zu Hause zurückzuhalten; ein heftiges Fieber hatte ihn erfasst, das dem edlen Leben rasch ein Ende machte. In den ersten Stunden des neuen Monats wurde er durch einen sanften Tod von seinem kurzen Leiden erlöst. Ein plötzlich aufgetretenes Magenübel in Verbindung mit der vorhandenen Herzaffektion war wohl die Ursache der überraschenden Katastrophe.


