Jahrgang 
1904
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Zwingenberg ruhte dann später die muntere Schar wanderfroher Mädchen bei preiswürdigem Mittags- mahle längere Zeit aus, an musikalischen und deklamatorischen Darbietungen sich ergötzend, bis der Bahnzug gegen 6 Uhr sie wieder heimwärts führte. In Darmstadt vereinigte sie sich mit den beiden zweiten Klassen, deren Wanderziel das liebliche Traisa gewesen. Die dritten Klassen(3 abc) durch- streiften die nahen Wälder des Taunus und nahmen in Schlangenbad längeren Mittagsaufenthalt; alle übrigen begnügten sich mit einem halbtägigen Spaziergange in die nächste Umgebung unsrer Stadt.

An Stelle des von seiner vorgesetzten geistlichen Behörde nach Bensheim versetzten Herrn Kaplan Brüssel, den wir nur ungern aus unsrer Mitte scheiden sahen, trat mit Genehmigung Grossherzog- lichen Ministeriums vom 25. Juni Herr Kaplan Boos.

12. Konrad Boos, geboren am 7. April 1875 zu Erbes-Büdesheim, besuchte das Progymnasium zu Alzey und im Anschluss daran das Gymnasium zu Mainz; alsdann absolvierte er seine philosophisch-theologischen Studien im Mainzer Priesterseminar. Im Februar 1899 zum Priester geweiht, fand er in Nieder-Olm, Darmstadt, Mainz (Bisch. Konvikt) und Hofheim nacheinander Verwendung als Kaplan, beziehungsweise Subrektor und Pfarrverwalter. Seit dem 15. Juni 1903 ist er in Mainz an der Pfarrkirche zu St. Bonifaz als Kaplan angestellt und erteilt zugleich den katholischen Religionsunterricht an der höheren Mädchenschule.

Die Wiederimpfung der 1892 geborenen Schülerinnen fand am 24. Juni statt, die amtliche Nachschau durch den Impfarzt acht Tage später.

Am 2. Juli, dem Tage der Einweihung der neu erbauten Christuskirche, wurde der Unterricht ausgesetzt, weil ausser dem Unterzeichneten auch eine grosse Anzahl unsrer Lehrer und Lehrerinnen der Feier beizuwohnen wünschten und die evangelischen Schülerinnen des Seminars, der oberen und mittleren Schulklassen ebenfalls zur Beteiligung aufgefordert waren.

Während der Zeit vom 12. Oktober bis zum 7. November war Herr Müller durch Teilnahme an einem in Darmstadt abgehaltenen Kursus für Lehrer des Mädchenturnens dem Unterrichte entzogen; seine Vertretung übernahmen mehrere Mitglieder des Kollegiums.

Auf Wunsch des Kuratoriums und mit Genehmigung Grossherzoglichen Ministeriums besuchte der Unterzeichnete vom 20 24. Oktober in Begleitung des städtischen Bauinspektors, Herrn Gelius, die in neuen Gebäuden untergebrachten höheren Mädchenschulen zu Strassburg, Stuttgart und München, wobei er sich seitens der betreffenden Herren Direktoren des dankenswertesten Entgegenkommens und der eingehendsten Belehrung über die äussere Anlage und innere Ausstattung ihrer Anstalten zu erfreuen hatte. Hoffen wir, dass zur Verwertung der auf dieser Reise gesammelten Erfahrungen sich in diesem Jahre schon Gelegenheit bieten werde, da die derzeitigen Klassenzimmer auch nicht an- nähernd der grossen Anzahl unserer Schülerinnen entsprechen und der gesamte Unterricht unter der Beschränktheit der Räume schwer zu leiden hat.

Bei der am 4. November über die Frage nach Abschaffung des Nachmittagsunterrichts auch während des Winterhalbjahrs veranstalteten Abstimmung entschieden sich von den 648 Eltern, denen wir Stimmzettel zugesandt hatten, 416 für Beseitigung, 221 für Beibehaltung des bisherigen Zustandes; 11 enthielten sich der Stimmabgabe. Den Wünschen der überwiegenden Mehrheit entsprechend, hat nunmehr Grossherzogliches Ministerium am 19. November verfügt, dass von diesem Jahre an auch in den Wintermonaten der sogenannte Vormittagsunterricht eingeführt werde.

Da der Einladung des Bischöflichen Domkapitels zur Überführung und Beisetzung des hoch- würdigsten Bischofs, Herrn Dr. Brück, am 9. November ausser dem Unterzeichneten auch noch eine grössere Anzahl von Mitgliedern des Lehrkörpers zu entsprechen wünschte, so fiel der Unterricht an diesem Tage ganz aus.

Über die Geburtstagsfeier zu Ehren unsres geliebten Landesfürsten am 25. November hatte der Tod der hochseligen Prinzessin Elisabeth einen düsteren Schatten gebreitet. In den getragenen Melodien unsres Sängerinnenchors, in den ernsten, von einzelnen Schülerinnen aufgesagten Gedichten und besonders in der Festrede des Herrn Oberlehrers Dr. Waas kam dies in zu Herzen gehender Weise zum Ausdruck. Von den Mitgliedern des Kuratoriums durften wir Herrn Stadtverordneten N. Reis bei dieser Gelegen- heit in unsrer Mitte begrüssen. Die Schulfeier am 27. Januar wurde mit Gesang und einer kurzen