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an anderen Tagen, die in den Turnſtunden gelernten Spiele zu ſpielen, nicht nachgekommen, ſo ſehr dieſes im Intereſſe ihrer körperlichen Entwickelung zu wünſchen, ja notwendig wäre. Hoffen wir, daß das Vergnügen an ſolchen, die körperlichen Kräfte ſtählenden und auch in ſo mancher anderen Hinſicht ſehr nützlichen Spiele immer größer bei unſerer Jugend werden wird. Leider ſieht man die Schüler jetzt meiſtens und ſelbſt bei dem ſchönſten Wetter in den Straßen der Stadt herumziehen, ſo daß bünen beder der Ort noch die Art der Bewegung eine erſprießliche Erholung und Stärkung ge⸗ währen kann.
Das verfloſſene Schuljahr war an Schulfeierlichkeiten reicher als gewöhnlich. Bevor wir die⸗ ſelben hier nach üblicher Sitte erwähnen, haben wir noch der vorjährigen Feier des Geburtstages Sr. Majeſtät unſers Kaiſers und Königs Wilhelm I. zu gedenken, da dieſelbe, obgleich die officielle Schulfeier ſchon am 17. März ſtatt am 22. März ſtattfand, nicht mehr in's Programm aufgenommen werden konnte. Die Feſtrede hielt bei gedachter Feier Herr Lehrer Schürmann; derſelbe ſprach über die Geſchichte Marburgs, insbeſondere im 12. und 13. Jahrhundert.
Am 1. Mai, dem Eliſabethentag, fand das 600jährige Jubiläum der Einweihung unſerer Eliſabethenkirche ſtatt. Die Schüler beteiligten ſich an der Spalierbildung bei Auf⸗ ſtellung des von den Behörden, Corporationen, Vereinen ꝛc. und vielen Bürgern Marburgs gebildeten Feſtzuges. Das Lehrerkollegium folgte dem feſtlichen Zuge zur Kirche, in der ein erhebender Gottes⸗ dienſt zur Feier des denkwürdigen Tages abgehalten wurde. Der herrliche Bau im reingothiſchen Stile, an dem ſechs Jahrhunderte ſpurlos vorüber gegangen ſind, trägt die Bürgſchaft in ſich, noch auf viele weitere Jahrhunderte hinaus eine ehrwürdige Zierde unſerer Stadt zu bleiben.
Am 24. Auguſt v. J. beehrte Se. Kaiſerliche und Königliche Hoheit der Kronprinz von Deutſchland und Preußen, Friedrich Wilhelm, zwecks Inſpection der hieſigen Garniſon, die Stadt Marburg mit ſeinem Beſuche und bewilligte einen offiziellen Empfang ſeitens der Stadt, der, vom ſchönſten Wetter begünſtigt, viel Volks nach Marburg führte. Unſere Anſtalt nahm Aufſtellung auf der oberen Lahnbrücke, am Anfang des Spaliers, welches von Schülern, Vereinen und den ſtädtiſchen Behörden vor der am Eliſabethenthor erbauten prächtigen Ehrenpforte gebildet wurde. Der feſtliche Empfang unſeres Kronprinzen bot erfreulicher Weiſe eine paſſende Gelegenheit zur An⸗ ſchaffung ſchöner Klaſſenfahnen. Auch wurde bei dieſer Veranlaſſung dem ſchon lange fühlbaren Mangel einer großen Fahne, um bei feſtlichen Gelegenheiten unſer weithin ſichtbares Schulhaus zu ſchmücken, durch den Ankauf einer ſolchen abgeholfen.
Mit dem September v. J. kehrte auch der nationale Feſttag zur Erinnerung an dem im J. 1870 und 1871 erkämpften Sieg des deutſchen Volkes wieder. Bei dem am 2. dieſes Monats ab⸗ gehaltenen feſtlichen Schulactus wechſelten in herkömmlich gewordener Weiſe Geſang und Declama⸗ tion patriotiſcher Lieder und Gedichte mit einander ab. Herr Lehrer Haaſe ſprach in der Feſtrede über den größten Regenten unſeres früheren Herrſcherhauſes, Philipp den Großmütigen, als dem Be⸗ gründer der Reformation in Heſſen und Beförderer derſelben in Deutſchland.
Feſtliche Tage nahten ferner für Marburg im November. Hatte doch gerade unſere Vater⸗ ſtadt mehrfache Urſache zur feierlichen Begehung der vierhundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages des großen deutſchen Reformators Dr. Martin Luther. Zu der ſeitens der Univerſität am 9. und 10. November veranſtalteten Lutherfeier in der lutheriſchen Pfarrkirche wurde das Lehrerkollegium der Anſtalt freundlichſt eingeladen, wofür hier beſtens gedankt wird. Die Schulfeier fand in einer vom Königl. Provinzial⸗Schulkollegium genehmigten Weiſe ſtatt. Nach Abſingung eines Chorals, Verleſung des 103. Pſalms und geſprochenem Gebet wechſelten Declamationen, die ſich auf Luthers Leben und Wirken bezogen, mit Geſängen ab. Die Feſtrede hielt der Unterzeichnete, in welcher er Luther als Wohlthäter und Vorbild der Jugend ſchilderte. Die Hora war geſchmückt mit einem durch die Munificenz des Curatoriums zur Feier und zum Andenken des Tages beſchafften großen Aquarell⸗Portrait des deutſchen Reformators, das für den feierlichen Schulactus mit einem Lorbeerkranz bekränzt worden war. An der zum Schluſſe des Lutherfeſtes am 11. November nach⸗ mittags von der proteſtantiſchen Bevölkerung Marburgs auf dem Marktplatze veranſtalteten öffent⸗ lichen Feier nahmen auch Lehrer und Schüler der Anſtalt teil..
Die ganze Lutherfeier war in ihrem Charakter ſowohl als auch in ihrer Ausführung eine hüchi würdige und dem Andenken des großen Reformators und beſten Deutſchen entſprechende. Die⸗ elbe wird den Teilnehmern unvergeßlich bleiben. Noch lebhafter aber wird die Erinnerung im Ge⸗ dächtnis der Marburger Jugend fortleben, weil durch die Freigebigkeit der ſtädtiſchen Behörden, nach
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