Jahrgang 
1915
Einzelbild herunterladen

12

jüngeren Schüler eifrig betätigten, konnte nicht auf besonders großen Erfolg rechnen, da die Stadtwehr schon in allen Häusern gesammelt hatte, ergah aber doch bis Mitte März an 8000 Mark.

Als die Schule am 18. August wieder begann, war wie die Zahl der Schüler so die der Lehrer gelichtet. Zum Heeresdienst waren einberufen die Herren Prof. Stange, Oberlehrer Lieberknecht und Kandidat Dr. Wöbbeking. Die beiden letzten wie der Kandidat Dr. Manns haben an den Kämpfen in Frankreich teilgenommen, Herr Oberlehrer Lieberknecht ist dann krankheitsbalber aus dem Felde zurückgekehrt und tut jetzt Garnisondienst. Herr Dr. Manns wurde in den Kämpfen in der Champagne schwer verwundet, steht aber seit Januar wieder im Felde. Er wie Herr Dr. Wöbbeking, der ununterbrochen seit Beginn des Krieges an der Front ist, sind durch das Eiserne Kreuz ausgezeichnet worden.

Auch der Schuldiener Wiese wurde zum Landsturm einberufen und vom 1. Oktober an durch den Hausburschen Struck vertreten.

Auf den Unterrichtsbetrieb hatte die Einberufung der Lehrer zunächst keinen Einfluß, da die Oberprima weggefallen war und zwei Kandidaten, die Herren Dr. Heukrath und Dr. Kroh, zur Verfügung standen. Als dann aber am 12. September der Lehrer am Gymnasium, Herr Fie dler, der zuerst zur Beschäftigung bei der Bahnhofskommandantur auf 4 Wochen Urlaub erhalten hatte, bis auf weiteres an ein Reserve-Lazarett und am 5. Januar an die Militärvorbereitungsschule in Jena beurlauht wurde, machte dies mehrfachen Wechsel im Unter- richt, stärkere Belastung des Kollegiums und Wegfall einiger Stunden nötig, zumal da Herr Dr. Heukrath, der uns treue Dienste geleistet hatte, am 9. Oktober an das Kaiserin Friedrich- Gymnasium in Homburg v. d. Höhe versetzt wurde. Die Schwierigkeiten steigerten sich, als am 1. Dezember Herr Prof. Dr. Elste einberufen wurde; die Unterrichtsverteilung zeigt S. 5. Schon hofften wir, das Schuljahr ungestört beenden zu können, da wurde der Kandidat Herr Dr. Kroh zum 1. und Herr Oberlehrer Dr. Ahrens zum 6. März einberufen. Iufolgedessen mußte der Unterricht etwas eingeschränkt werden, bis Herr Fiedler, der in Jena aus Gesundheitsrücksichten am 5. März entlassen war, am 15. März wieder eintrat

Der Wechsel, der so häufig im Unterricht nötig wurde, hat natürlich störend gewirkt. Und die Schüler, die Angehörige und Kameraden im Felde haben, den Tod anderer beklagen, waren mit ihren Gedanken oft mehr im Krieg als in der Schule. Im Sommer blieb diese nicht ganz von dem kriegerischen Treiben unberührt; anfangs war der Schulhof der Gestellungsplatz der Linberufenen, dann viele Wochen der Sammelplatz einer Kompagnie des Landsturmbataillons Marburg. Die Schule hat getan, was in ihren Kräften stand, in den Schulandachten wie in den Unterrichtsstunden die Lebraufgaben zu den großen kriegerischen Ereignissen in lebendige Beziehung zu setzen. Die großen Siege, die die Tagesberichte meldeten, wurden durch An- sprachen des Direktors, Gesang vaterländischer Lieder und Freigabe des Unterrichts begangen.

Außer den Notreifeprüfungen hat noch eine ordentliche Reifeprüfung stattgefunden, in der ein für den Militärdienst nicht tauglicher Schüler das Reifezeugnis erhielt.

Eine Feier des Reformationsfestes fand den Zeitumständen entsprechend nicht statt, doch wurde seiner in der Andacht am 31. Oktober gedacht.

Am 13. November starb der pensionierte Schuldiener Pohle, der dem Gymnasium über 30 Jahre lang treue Dienste geleistet hatte(s. Jahresbericht 1911 S. 70). Die meisten Mitglieder des Kollegiums und viele Schüler gaben ihm das letzte Geleite.

Am 8. Januar verschied der Oberregierungsrat a. D. Herr Geheimer Regierungsrat D. Dr. Lahmeyer in Cassel im gesegneten Alter von 87 Jahren, der Dezernent unseres Gymnasiums 1882 1905. Sein ihm stets bewiesenes Wohlwollen bleibt unvergessen.

Der Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers und Königs wurde am 27. Januar mit Gebet, Gesang und Deklamationen begangen. Die Festrede hielt Herr Prof. Dr. Handwerck.

Der Gesundheitszustand der Schüler war im ganzen gut; nur in den letzten Monaten waren die in den beiden Schülerheimen untergebrachten jüdischen Schüler durch Scharlach am Schulbesuch gehindert. Von dem Lehrerkollegium mußten die Herren Prof. Reinhard, Ewoldt, Dr. v. Spindler, Engelhardt, Dr. Handwerck, Oberlehrer Klee und Kandidat Dr. Heukrath längere oder kürzere Zeit vertreten werden.