zu gründen und hielt, wenn man auch auf die beiden verunglückten Verſuche hinwies, ent⸗ ſchieden an dieſem Gedanken feſt, da man ſich der Ueberzeugung hingab, daß die in Handel, Gewerbe und Induſtrie ſo ſchnell fortgeſchrittene Zeit auch manchen, der früher eine ſolche weitere Ausbildung als unnöthig abgewieſen haben würde, der Realſchule zuführen würde. Man wandte ſich an die Landesregierung, welche gerade in der Ausbeſſerung des Schul⸗ weſens wahrhaft Großes gethan hat, und erhielt auch von derſelben einen günſtigen Beſcheid unter dem 28. Dezember 1861. Die nöthigen Ermittelungen und Vorkehrungen nahmen noch eine geraume Zeit in Anſpruch; endlich konnte mit dem Herbſte 1862 die Realſchule wieder aufleben. Es wäre dieſes bei der bedrängten finanziellen Lage der Stadtkaſſe ganz unmöglich geweſen, wenn nicht hohe Landesregierung in anerkennenswertheſter Weiſe die Zuſage gegeben hätte, daß bis zu zwei Drittel die Beſoldungen der Lehrer, ſoweit ſolche nicht durch das Schul⸗ geld gedeckt würden, aus S taatsmitteln bezahlt werden würden. Die Direction der neugegrün⸗ deten Realſchule ward dem Profeſſor an dem Seminar, Schulinſpector und erſten Pfarrer Nebe, übertragen und an dieſelbe der bisherige Inſtitutsvorſteher Bernhard Geiſel von Malta, gebürtig aus Cronberg, und der erſte Lehrer von der hieſigen Elementarſchule Andreas Ohlenburger dirigirt. Den 16. Oktober ward die Anſtalt feierlich mit 44 Schülern, die in zwei Klaſſen getheilt waren, eröffnet. Ein eigenes Schullokal hatte noch nicht beſchafft werden können; die Schule wurde in gemietheten Räumen nothdürftig untergebracht. Die Winterarbeit war von Erfolg, die Frühlingsprüfung fand großen Beifall, im Sommerſemeſter 1863 zählten wir 62 Schüler. Im Rathhauſe waren inzwiſchen im zweiten Stockwerke bis dahin wüſt lie⸗ gende oder wenig benutzte Räume ausgebaut und zu Lehrzimmern hergerichtet; am 8. Juli ſiedelte die Anſtalt dahin über. Mit dem Herbſte 1863 wurde die Erweiterung der Realſchule zu einer dreiklaſſigen Lehranſtalt nothwendig, da ſich die 63 Schüler nicht gut in zwei Klaſſen mehr unterrichten ließen; es trat deßhalb auch ein dritter Lehrer in der Perſon des Herrn Theodor Lautz in das Collegium ein. Mit dem Frühjahr 1864 nahm die Schüleranzahl wieder bedeutend ab; wir hatten nur 49 Schüler. Dieſes Herabgehen erklärte ſich aber dadurch ganz natürlich, daß eine Anzahl ſchon confirmirter Schüler bei Gründung der Anſtalt eingetreten war und nun ausſchieden. Im Herbſte trat ein Wechſel im Lehrereollegium ein: Herr Lautz ward als Hilfslehrer an das Schullehrerſeminar nach Uſingen berufen; Herr Auguſt Chun, welcher bisher als erſter Lehrer an der höheren Töchterſchule in Wiesbaden gewirkt hatte, kam dafür hierher. Das Schuljahr 186% eröffneten wir mit 37 Schülern nur und es ſchien, als ob die Anſtalt, welche im Anfange ſo ſchnell aufgeblüht war, ebenſo ſchnell verblühen ſollte. Man war aber einig, daß die Anſtalt nicht, weil keine tüchtigen Lehrkräfte zur Verfügung ſtanden, oder die Betheiligung im Orte eine zu geringe ſei, abnehme: man erkannte immer klarer, daß Herborn, wenn es auch alle Knaben, welche ſich zur Realſchule eignen, der Anſtalt zuweiſe, doch kein größeres Contingent als 35—-40 ſtellen könne. Um der Realſchule nun ihre Exiſtenz und Schüleranzahl zu ſichern, ward beſchloſſen, wie es auch in andern Orten des Landes ſchon geſchehen war, den Mädchen den Eintritt zu geſtatten. Herzogliche Landesregierung genehmigte dieſen Antrag und im Herbſt 1865 traten ſofort 18 Mädchen ein. Zur ſelben Zeit ſchied auch Herr Geiſel, welcher bis dahin die Funktionen eines Realoberlehrers proviſoriſch ausgeübt hatte, von uns; das Vertrauen ſeiner vorgeſetzten Behörde beförderte ihn nach Erbach
Jahrgang
1867
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten


