Jahrgang 
1876
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V. Ehronik des Gymnafiums.

Noch vor dem Beginn des neuen Schuljahres verließ der Gymnaſiallehrer Dr. Wirſel die Anſtalt, indem er zum Rector der höhern Bürgerſchule in Oberlahnſtein ernannt worden war, nachdem kurz vorher das Curatorium ihn zum Oberlehrer gewählt hatte. Das Gymnaſtum hat an ihm einen eben ſo fähigen als gewiſſenhaſten und eifrigen Lehrer verloren, deſſen Abgang um ſo ſchmerzlicher empfunden wurde, als es nicht möglich war, ſofort eine geeignete Lehrkraft zum Erſatze zu gewinnen. In Folge deſſen mußten Ober⸗ und Unterſecunda, obgleich darin zuſammen 57 Schüler ſaßen, combinirt werden, und dieſe Combination mußte während des ganzen Schul⸗ jahrs beibehalten werden, da der zum Oberlehrer gewählte Lehrer an der Realſchule I. Ordnung zu Düſſeldorf, Dr. Neuß, aus ſeiner bisherigen Stellung wegen zu ſpät erfolgter Kündigung noch nicht zu Oſtern entlaſſen wurde. Der Eintritt des Dr. Neuß erfolgt erſt mit Beginn des neuen Schuljahrs.

Am 17. October wurde ein braver Schüler dem Gymnaſium durch den Tod entriſſen, nämlich der Secundaner Ebert aus Holler. Die Secundaner begaben ſich in Begleitung einiger Lehrer am Beerdigungstage nach dem nah gelegenen Dorfe Holler und erwieſen ihrem verſtorbenen Mitſchüler die letzte Ehre.

Herr Schommer in Trier ſchenkte dem Gymnaſium ein Prachtwerk: Oeuvres de Jean Midolle, lithographirte Alphabete aller Zeiten und Völker enthaltend. Ebenſo erhielt die Bibliothek vom Herrn Miniſter durch das Prov. Schulcollegium das Werk von Voigt:Namenscodex der deutſchen Ordensritterbeamten und von dem Herrn Amtmann von Becherer 9 Bände der ZeitſchriftUnſere Zeit v. R. Gottſchall zum Geſchenke. Wir ſagen den Gebern unſern beſten Dank.

Am 16. December unterzog der Geheime Regierungsrath Dr. Stauder aus Berlin das Gymnaſium einer Reviſion, indem er ſämmtliche Klaſſen beſuchte und dem Unterrichte der meiſten Lehrer beiwohnte. Am Schluß der Reviſion verſammelte er die Lehrer zu einer Conferenz; in dieſer erklärte er, daß die heutige Reviſion auf ihn einen durchaus befriedigenden Eindruck ge⸗ macht habe; ſodann verbreitete er ſich eingehend über den deutſchen Unterricht und über die Be⸗ handlung der griech. und römiſchen Claſſiker in der Schule und gab treffende Winke zur zweck⸗ mäßigen Behandlung dieſer Unterrichtszweige.

Durch Verfügung des königl. Provinzial⸗Schulcollegiums vom 18. November wurde dem bisherigen Hülfslehrer Heſſe gemäß dem Antrage des Curatoriums die 4. ordentliche Lehrerſtelle übertragen. Gleichzeitig rückten die Herren Eyſert und Blömer auf, jener in die 2., dieſer in die 3. ordentliche Lehrerſtelle.

Das verfloſſene Schuljahr hat leider durch Krankheiten mehrerer Lehrer nicht unerhebliche Störungen erlitten. Zunächſt erkrankte der Hülfslehrer Neuhaus kurz vor Weihnachten; er er⸗ hielt auf ſeinen Antrag zunächſt Uͤrlaub bis Ende Februar, dann bis zum Schluß des Semeſters; als auch dann keine Beſſerung eintrat, wurde er für das ganze Sommerſemeſter beurlaubt. Während des Winterſemeſters vertraten die Collegen mit größter Bereitwilligkeit ſeine Stunden. Von Oſtern ab wurde, um die Lücke zu füllen, der bisherige Hülfslehrer am Gymnaſium zu Fulda, G. Schilling, als commiſſariſcher Lehrer an das hieſige Gymnaſium berufen. Sodann erkrankte der Unterzeichnete, der bereits ſeit Neujahr ſich unwohl fühlte, am 16. Februar ſo er⸗