Jahrgang 
1879
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Muskellagen den Körper zu ſtählen und zu höheren geiſtigen und ſittlichen Leiſtungen zu befähigen. Sie kann jetzt erſt verſchiedene Unterrichtsgegenſtände, wie Phyſik und Chemie, die beſchreibenden Naturwiſſen⸗ ſchaften in der Ausdehnung und nach den Methoden lehren, welche den Schüler befähigen, ſich nicht nur nützliche Kenntniſſe und Fertigkeiten anzueignen, ſondern auch eigne Uebungen darin vorzunehmen. Ebenſo kann ſie jetzt erſt nach Herſtellung dieſes ſchönen und zweckmäßigen Zeichenſaales, dem Zeichnen,(Freihand⸗ zeichnen, geometriſches Zeichnen, darſtellende Geometrie und Perſpective), dieſem außerordentlich wichtigen Lehrgegenſtande der Realſchule, die volle Beachtung zuwenden. Als Realſchule 2. Ordnung ſoll unſere Anſtalt ferner in das rechte Verhältniß zu den anderen höheren Lehranſtalten des Landes, zu der Realſchule 1. Ordnung, zu dem Gymnaſium und den Lehrerſeminarien treten und den Kreis ihrer Berechtigungen er⸗ weitern. Vor Allem iſt aber ihren Schülern zu erhalten der Geiſt der Zucht und Ordnung, des Gehorſams und der willigen Unterordnung unter die Geſetze, der Geiſt des Fleißes und der Arbeitſamkeit, der Geiſt der Liebe zu Fürſt und Vaterland. In ihr ſollen Männer gebildet und erzogen werden, welche tüchtige Kenntniſſe und Fertigkeiten in ihrem Berufe beſitzen und zugleich redlich und treu in ihren Geſinnungen, fromm und gottesfürchtig in ihrem Wandel ſind, deutſche Männer, welche das hohe Gut unſerer nationalen Einigung richtig würdigen und verſtehen und bereit ſind, mit Gut und Blut für die Größe und Herrlichkeit des deutſchen Vaterlandes einzuſtehen. Bei der Erinnerung an dieſe Stätte ihrer Jugendbildung ſollen ſie Muth und Kraft finden, allen Widerwärtigkeiten des Lebens, allen Schwierigkeiten ihres Berufes mit Erfolg zu begegnen. Sie ſollen ſich erlaben können an all dem Großen, Schönen und Herrlichen, was Deutſchland in Kunſt und Geſchichte, in Sprache und Sage hervorgebracht hat. Ja, hohe und hochgeehrte Anweſende, es ſoll dieſe Stätte ein Mittelpunkt geiſtiger und ſittlicher Cultur für unſere Stadt und Gegend, für unſer engeres Vaterland Heſſen und für unſer Geſammtvaterland Deutſch⸗ land werden, wo all die Tugenden des deutſchen Volkes, ſein Fleiß und ſeine Beharrlichkeit, ſeine Treue und Biederkeit, ſein Muth und ſeine Euntſchloſſenheit, ſeine Enthaltſamkeit und Einfachheit, ſeine Demuth und Beſcheidenheit, ſeine Reinheit und Frömmigkeit und ſein Glaube gepflegt und erhalten werden, der .Gegenwart zu Nutz und Frommen, der Zukunft zur Nachahmung!

. Hohe und hochgeehrte Anweſende! Im Hinblick auf dieſe in den erweiterten Wirkungszielen der Schule liegenden Aufgaben fühle ich mich trotz meines guten Willens und meiner ſeſten Entſchließungen zu ſchwach. Ich muß daher ſchließlich um die fortdauernde Hilfe und Unterſtützung von Gönnern und Freunden, des Staates und der Gemeinde, um die Mitwirkung und einträchtige Thätigkeit von Berufs⸗ genoſſen, um die Theilnahme und das Vertrauen des Publikums inſtändig bitten. Sie Alle, welche bis dahin dieſe Bildungs⸗ und Erziehungsſtätte gepflegt und unterſtützt haben, Sie Alle, welche dieſer Schule ihre eigne Bildung oder diejenige ihrer Kinder zu verdanken haben, Sie Alle wollen uns in unſerem ſchwierigen Unternehmen auch fernerhin mit Rath und That fördern und behüten. Weil aber alles menſch⸗ liche Beginnen ohne Gottes Segen nichtig iſt, ſo erhebe ich endlich mein Herz zu dem empor, der unſrer Arbeit Anfang, Fortgang und Ziel ſein ſoll. Ja, Herr, ſegne du auch fernerhin dieſe Anſtalt, wie du es bis dahin gethan haſt, laß ſie unter dem Wechſel aller Dinge immer höherer Entwicklung entgegen⸗ reifen. Gib du ſelbſt den Lernenden Gehorſam, Fleiß und Ausdauer, laß ſie wachſen nicht nur an Kenntniſſen und Fertigkeiten, ſondern auch an dem inneren Menſchen zur wahren ſittlichen Vervollkommnung; gib den Lehrenden deinen Geiſt, daß ſie ihr Amt mit deiner Kraft und Weisheit führen; gib den Perſonen und Corporationen, welche ſeither die Schule gefördert haben, auch fernerhin ein recht lebendiges Intereſſe für dieſelbe, daß ſie nicht aufhören, uns in unſeren Beſtrebungen für das Wohl dieſer Schule zu unter⸗ ſtützen. Ja, Herr, ſegne dieſe Anſtalt auch fernerhin mit deinem beſten Segen, daß aus ihr ſtets hervor⸗ gehen tüchtige Arbeiter in den verſchiedenſten Berufsarten des Lebens, tüchtige Arbeiter in dem ewigen Reiche, zu welchem du uns Alle berufen haſt! Amen.

Am Schluß der Feierlichkeit wurden die Schüler, welche ſich im abgelaufenen Schuljahre durch gutes Betragen, beharrlichen Fleiß und tüchtige Leiſtungen hervorgethan hatten, öffentlich belobt und ihnen zur bleibenden Erinnerung an dieſen Tag ein Belobungsſchein zugeſtellt. Endlich wurden die Abiturienten durch den Unterzeichneten mit folgenden Worten entlaſſen:

Endlich habe ich der Schüler zu gedenken, welche heute aus dieſer Schule austreten, theils um in einer höheren Schule ihre Ausbildung fortzuſetzen, theils um in ihren Beruf einzutreten. Ihr Alle, liebe Schüler, tretet eigentlich in eine neue Schule ein; denn das Leben iſt die rechte Schule, in welcher ſich bewähren muß, ob ihr die hier erworbenen Kenntniſſe und Fertigkeiten auch richtig anwenden könnt auf euren Beruf, ob ihr insbeſondere diejenige ſittliche Ausbildung hier erlangt habt, welche euch befähigt, allen Gefahren des Lebens mit Erfolg zu begegnen. Welches nun aber auch die Lebenslagen ſein werden, in welche ihr nunmehr

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