Jahrgang 
1870
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Jugend. So ſelbſtverſtändlich dieß auch iſt, ſo machen wir doch häufig die Erfahrung, daß die Anordnungen der Schule nicht in der rechten Weiſe von den Eltern unterſtützt, wohl gar umgangen werden. Wir können dieß nur aufrichtig bedauern, da in ſolchen Fällen der Erfolg unſerer Mühe von vornherein zerſtört wird. Gar nicht ſelten begegnen wir der Erfahrung, daß über kurz oder lang die Eltern die Nützlichkeit unſerer An⸗ ordnungen zu ihrem eigenen Schadenerſt dann einſehen, wenn es leider zu ſpät iſt. Die zweite Forderung be⸗ trifft die Wahl des Umgangs des Schülers. Mit Sorgfalt werden aufmerkſame Eltern in der Beziehung darüber wachen, daß bei der Wahl des Umgangs die Hauptaufgaben der Erziehung und des Unterrichtes nicht Noth leiden. Die Schule ſelbſt bietet dem Schüler hinreichende Gelegenheit, ſich an gleichgeſinnte Freunde an⸗ zuſchließen, und ſolche in der Schule von zwei nach gleichen geiſtigen und ſittlichen Zielen ringenden Knaben geſchloſſene Freundſchaften überdauern, wie wir aus Erfahrung wiſſen, alle ſpäteren, meiſt nur äußerlich durch gelegentlichen Umgang geknüpfte freundſchaftlichen Verbindungen. Möchten doch alle Eltern dieß wohl bedenken und mit uns dahin ſtreben, daß ihre Söhne ſich gleichgeſinnten Schulgenoſſen anſchließen und nicht den Umgang älterer, vielleicht wenig gebildeter Leute ſuchen. Wohl wiſſen wir, daß das Leben der andere Faktor in der Erziehung des Menſchen iſt; allein es iſt uns auch nicht unbekannt, daß derjenige, welcher in der Jugend mit gleichgeſinnten Seelen nach höherer Vervollkommnung gerungen hat, leichter bewahrt bleibt von dem Unreinen und Unheiligen, daß er daſſelbe als ſeiner innerſten Natur zuwider von ſich zurückſtößt, ſeinen Grundſätzen getreu bleibt und auch ſpäter nur den Umgang derjenigen ſucht, von denen er Etwas lernen kann, wie Horaz, der ſelbſt ein Beiſpiel dieſer Lebensanſicht gibt, ſo ſchön ſagt:

. Quo semel est imbuta recens servabit odorem

testa diu. Hor. Epist. 2. und Nunc adbibe puro Pectore verba puer, nunc te melioribus offer.

Dieſer Gedanke leitet mich endlich noch auf euch hin, liebe Abiturienten, die ihr jetzt Abſchied von euren Lehrern und Mitſchülern und von dieſer Schule nehmet, um euren Beruf anzutreten. Ja, das Leben iſt ein weiteres Erziehungs⸗ und Bildungsmittel für euch und wir müſſen nur wünſchen, daß nun die Schule des Lebens euch weiter fortentwickle, nachdem ihr in unſerer Schule die Grundlagen zu eurer geiſtigen und ſittlichen Ausbildung gelegt habt. Wir dürfen mit der zuverſichtlichen Hoffnung euch dieſer neuen Schule über⸗ geben, da wir in Gemeinſchaft mit euren Eltern euch die Richtung für das Leben zu geben ſuchten und dürfen erwarten, daß die ſtörenden und verlockenden Verſuchungen deſſelben euch von dieſer Richtung nicht ableiten werden. Vor Allem waren wir beſtrebt, in euch zu pflanzen den Trieb nach höherer geiſtiger und ſittlicher Vervollkommnung, der ein mächtiges Hilfsmittel zum Sieg über die in nnſerer Zeit ſich breit machende Ge⸗ nußſucht, über die traurige Blaſirtheit und die verderbliche ſittliche Verkommenheit darbietet. Wer einmal die edlen Freuden, welche in dem geiſtigen und namentlich ſittlichen Fortſchritte liegen, genoſſen hat, kann die elenden Genüſſe der nur äußerlichen Menſchen leicht entbehren, er behält ſtets den Reiz und die Empfänglich⸗ keit für den Genuß edler Eindrücke und bleibt ferne der traurigen greiſenhaften Jugend, die ſtumpf für jegliche Anregung iſt; er weiß den Angriffen ſittlicher Verkommenheit gegenüber ſich ſtets gerüſtet zum ſiegreichen Kampfe. Sodann habt ihr gewiß in der Schule an liebe, gleichgeſinnte Altersgenoſſen euch angeſchloſſen und einen Freundſchaftsbund für das Leben geknüpft. Bewahret treu und innig dieſe Jugendfreundſchaft, ihr werdet darin ſtets die Quelle der ſüßeſten Freuden finden und ſpäter im Mannesalter mit den Roſenfarben jugend⸗ licher Erinnerungen an alle Einzelnheiten eures hieſigen Zuſammenſeins gedenken. Bewahret auch euren Lehrern, die mit väterlicher Liebe über eurer Jugend gewacht haben, bewahret eurer Schule, welche die Keime eurer Bildung in euch gepflanzt hat, ein liebevolles, dankbares Andenken. Nur ein undankbares Gemüth könnte ſchnöde vergeſſen, was die Lehrer an ihm mit aufopfernder Sorgfalt gethan haben, und würde ſich durch dieſe Geſinnung ſelbſt der mächtigſten Waffe gegen alle böſen Verlockungen und Verſuchungen beranben. Ja, die dankbare Erinnerung an eure Eltern und Lehrer, die mit ſorgſamer Hand über eurer Jugend gewacht, die mit Aufopferung die Keime des Schönen, Wahren und Guten in euch gepflanzt, und vor Allem die Lehren der Religion in euch gepflegt haben, dieſe dankbare Erinnerung wird ein ſchützender Engel ſein, der euch ſicher durch alle Gefahren des Lebens geleiten und eurer höchſten Beſtimmung entgegenführen wird.

--B