Jahrgang 
1870
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21 äußerte, als ich da zum erſtenmal die Ehre hatte, vor Ihnen zu reden, hatte ich mir die Aufgabe geſtellt, Ihnen das durch die Entwicklungsgeſchichte der drei letzten Jahrhunderte allmählich zur Reife gediehene rea⸗ liſtiſche Bildungsziel, welches einen tiefen Einfluß auf die Reformierung der ſogenannten Gelehrtenſchulen hatte und die Realſchulen in's Leben rief, zu zeichnen. Durch eine eingehende Betrachtung der ſeit der Reformation hervortretenden freieren, individuellen, wahrhaft menſchlichen Entwicklung, welche auf einer naturgemäßen Be⸗ handlung der klaſſiſchen Sprachen, in ſorgfältigerer Beachtung der Mutterſprache und der ſogenannten Realien, der Naturkunde, Mathematik und Geſchichte, ſowie einer auf der Anſchauung beruhenden Methode und der harmoniſchen Ausbildung der Anlagen des Menſchen ihre Begründung fand, war das realiſtiſche Bildungsziel nach und nach feſtgeſtellt worden. Dieſes Bildungsziel und die hieraus ſich ergebende Aufgabe der Realſchule hatte ich folgendermaßen präciſiert. Das realiſtiſche Bildungsziel verlangt die harmoniſche Ausbildung der geiſtigen, ſittlich⸗religiöſen und körperlichen Anlagen des Menſchen zum geiſtigen Eingreifen in die praktiſchen Berufskreiſe, ſowie zur ſittlichen Bethätigung für das ewige Reich Gottes. Es iſt daher die Aufgabe der Realſchulen, daß ſie bei ihrer inneren Fortentwicklung ein Hauptgewicht auf die für das praktiſche Leben wich⸗ tigen realiſtiſchen Fächer legen, dieſelben aber durch eine auf der Anſchauung beruhenden Methode, ſowie durch gleichmäßige Berückſichtigung der ethiſchen Fächer und der Gymnaſtik zur harmoniſchen Entwicklung der geiſtigen, der ſittlich⸗religiöſen und der körperlichen Anlagen des Menſchen ausnutzen und durch eine ſorgfältige Er⸗ ziehung die entwickelten Kräfte in den Dienſt des ewigen Reiches Gottes ſtelleu. In der Actusrede 1867 ſuchte ich Ihnen dann im Hinblick auf die Reſultate unſerer Prüfung und unſeres Redeactus darzuthun, in welcher Weiſe die verſchiedenen Unterrichtsfächer der Realſchule den wichtigſten Forderungen, welche dieſes Bildungsziel in ſich ſchließt, genügen ſollen. Um die harmoniſche Ausbildung der geiſtigen und ſittlichen An⸗ lagen, ſowie die Vorbereitung für das Leben zu bewerkſtelligen, greift die Realſchule daher mitten in das viel⸗ geſtaltige Leben und entnimmt ihm diejenigen Stoffe, welche in naher Beziehung zu dem Leben ſtehen, zugleich aber die erforderlichen Bildungsmomente beſitzen. Sie benutzt hierzu vor Allem die lebenden Sprachen, in deren Mittelpunkt die Mutterſprache zu ſetzen iſt, und die mathematiſchen Disciplinen zur Entwicklung der gei⸗ ſtigen Anlagen. Wir überſehen hierbei nicht, daß die Beſchäftigung mit den alten Sprachen durch den For⸗ menreichthum derſelben und die Beſtimmtheit ihrer ſprachlichen Geſetze, ſowie durch die hohe Entwicklung ihrer Literatur ganz beſonders zur geiſtigen Entwicklung der Jugend dienen kann. Man hat daher ſeit der Grün⸗ dung unſerer Schule dem Unterricht in der lateiniſchen Sprache eine beſondere Aufmerkſamkeit geſchenkt, zumal unſere Schule von jeher denjenigen Schülern, welche ſpäter ein Gymnaſium beſuchen wollen, die erforderliche Vorbereitung in der lateiniſchen Sprache zu geben hat. Die Naturkunde im weiteſten Sinne, ſowohl das geiſtige Erfaſſen der in unendlicher Maunigfaltigkeit geſtalteten Naturindividuen, des merkwürdigen Baues derſelben und der geheimnißvollen Geſetze des Lebens, als auch das Eindringen in die Erkenntniß der über die ganze Natur ausgegoſſenen Kräfte, der Urſachen der wunderbar verketteten Erſcheinungsreihen dient ihr als geiſtiges und ethiſches Bildungsmittel ſowohl, als auch zur gründlichen Einführung in die durch den Auf⸗ ſchwung der Naturwiſſenſchaften umgeſtalteten Neuzeit. Die im Fluſſe befindliche Gegenwart verknüpft mit der ruhenden, abgeſchloſſenen Vergangenheit das Gebiet der Welt⸗ und Culturgeſchichte und lehrt das für das Verſtändniß der Gegenwart, für das zuverſichtliche Vertrauen in die Zukunft ſo nothwendige Bewußtſein von dem Walten einer göttlichen Vorſehung. Ueber die engen Schranken des Raumes in die unendliche Mannig⸗ faltigkeit der Länder und Völkergeſtaltungen, in die erhebenden Anſchauungen einer ewigen Weltharmonie trägt ſicher die Beſchäftigung mit den geographiſchen Wiſſenſchaften, ſowie mit den Elementen der mathematiſchen Geographie und Aſtronomie. Aug' und Hand, die kunſtvoll gebildeten Werkzeuge kunſtvoller Gebilde unſerer Zeit finden ihre erſte tiefere Entwicklung in den graphiſchen Fächern, dem Freihand⸗ und geometriſchen Zeichnen, ſowie in der Kalligraphie, und alle körperlichen Anlagen werden zur möglichſten Vollkommenheit und Schönheit erzogen durch die Gymnaſtik. Durch die der Realſchule vorzugsweiſe eigenthümlichen mathematiſchen und naturkund⸗ lichen Disciplinen, welche ein ſinnlich⸗auffaßbares Object zur Grundlage haben, ſollen die jugendlichen Sinne, die Pforten, durch welche die ganze friſche Außenwelt ihren Einzug in die innere Welt des Geiſtes hält, viel⸗ fach geübt und eine richtige Spiegelung der oft ſcheinbar verworrenen Verhältniſſe ermöglicht werden. Am wichtigſten jedoch iſt die Entwicklung der ſittlich⸗religiöſen Anlagen des Menſchen und die Vorbereitung für den Dienſt im ewigen Reiche Gottes. Einen reichen Schatz von Anregungsmitteln zur Entwicklung der ſittlich⸗re⸗ ligiöſen Anlagen, zur Erweckung des Gefühls für das ſittlich Schöne und Gute, zur Kräftigung des Willens und zur Belebung eines auf das Edle gerichteten Strebens bietet die Kirchen⸗ und Weltgeſchichte; tiefer noch ſind die Erweckungen der ſittlich-religiöſen Anlagen, welche das Schöne in Natur und Kunſt, vorzüglich in der Beſchäftigung mit den reinen und edlen Erzengniſſen der Literatur hervorbringen kann. Alle Beſtrebungen