Jahrgang 
1850
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Wir ſind gewohnt, den Geiſt des Alterthums und insbeſondere den des griechiſchen Volkes um der Leichtigkeit und Sicherheit willen zu bewundern, mit welcher er die Außenwelt erfaßt und durchdringt, und uns an der Treue und Klarheit zu erfreuen, mit welcher er in ſeinen Schöpfungen und Darſtellungen den empfangenen Eindruck wiedergibt. Alles was uns von den Werken der Poeſie und bildenden Kunſt, der Geſchichtſchreibung, der Beredtſamkeit und der wiſſenſchaftlichen Forſchung aus den Zeiten der ungeſchwächten Kraft des griechiſchen Volks⸗ geiſtes exhalten iſt, trägt dieſen Stempel der Naturwahrheit an ſich: wir fühlen uns bei dem Anſchauen und Genuſſe der Erzeugniſſe der verſchiedenartigſten geiſtigen Thätigkeit dem über⸗ lieferten Gegenſtande oder den im Innern des Künſtlers wirkenden Kräften nahe, und können dadurch täglich die außerordentliche Erfahrung erleben, daß Geiſtesſchöpfungen von mehr als zweitauſendjährigem Alter, die Dichtungen des Homeros, Sophokles und Ariſtophanes, die Werke des Thukydides, Platon und Demoſthenes uns mit einer mächtigeren Theilnahme und lebendigeren Anſchaulichkeit mitten in die Kreiſe ihrer Darſtellungen ziehen, als viele Schriften verwandten Inhalts aus unſerer eigenen oder der unmittelbar voraufgehenden Zeit. Man hat dieſen oft beobachteten Gegenſatz zwiſchen der Auffaſſungs⸗ und Darſtellungsweiſe der Griechen und der neueren Völker durch die Ausdrücke des Antiken und Modernen, des Claſſiſchen und Romantiſchen, des Naiven und Sentimentalen, des Realiſtiſchen und Idealiſtiſchen, des Ob⸗ jectiven und Subjectiven zu fixiren, und bald mehr die Erſcheinung, bald mehr ihren Grund anzudeuten verſucht. Auch iſt man im Allgemeinen über die Vorzüge einverſtanden, welche der erſteren dieſer entgegenſtehenden Geiſtesrichtungen beiwohnen, und hat ſie nachdrucklich den Neueren zur Nacheiferung empfohlen.

Indeß ſo ſehr der Gewinn der Erfahrung, des poſitiven Wiſſens und jeder techni⸗ ſchen Fertigkeit von Geſchlecht zu Geſchlecht überliefert, und auch eine verſchollene Kunde auf dieſem Gebiete in ſpäterer Zeit zu neuem Leben wieder erweckt werden kann, ſo wenig ent⸗ ſpricht es dem Geſetze menſchlicher Fortbildung, daß die ganze Geiſtesrichtung einer beſtimm⸗ ten Zeit, welche von gegebenen Verhältniſſen bedingt war, zu irgend einer andern Zeit, die wieder von ihr eigenthümlichen Bedingungen abhängig iſt, zurückgerufen werden könne. Mehr Erfolg dürfte der Verſuch ſich verſprechen, in die innern Gründe der Erſcheinung ſelbſt einzu⸗ dringen, und den geiſtigen Standpunkt, welcher das griechiſche Volk zu jener Anſchauungs⸗ und Ausdrucksweiſe befähigte, nach, ſeiner Grundlage und übinen Gehalte in nähere Betrache

tung zu ziehen. an⸗ 105