30 Staatsgesinnung.
Ansprache des Oberstudiendirektors Dr. Jöris an die Abiturienten bei der Feier ihrer Entlassung am 27. März 1929.
Liebe Abiturienten!
Wenn Sie am heutigen Tage Ihres Abschieds von der Schule einen Rückblick werfen auf die Zeit, in die Ihre Schulausbildung fiel, So werden Sie finden, daß es eine Zeit gewaltiger Um- wälzungen gewesen ist, eine wahre Zeiten- und Völkerwende. In der Tat, die Welt ist seit dem Kriege eine ganz andere geworden, als sie vordem war. Nicht nur, daß die Landkarte Deutsch- lands und Furopas große Veränderungen aufweist, auch im Denken, Fühlen und Empfinden der Menschen auf den verschiedensten Gebieten sind Umwälzungen eingetreten, die man vorher nicht für möglich gehialten hätte. Für uns Deutsche, die wir die Verlierer des Krieges sind, und nament- lich für die ältere Generation, die vor dem Kriege stolz und glücklich in ihrem Vaterlande gelebt hat, wenn vielleicht auch etwas zu ahnungslos und unbefangen, für uns hat das alles zunächst etwas überaus Schmerzliches. Aber wer an den menschlichen Fortschritt glaubt, wie ihn doch die Geschichte lehrt, und wer an einen vernünftigen Sinn alles Geschehens glaubt, der wird auch gern glauben und hoffen, daß die Todesstunde des Alten gleichzeitig die Geburtsstunde eines Neuen gewesen ist, das gegenüber dem Früheren einen Fortschritt der Menschheit bedeutet. Darum hat es keinen Sinn, tatenlos und kraftlos dem Alten nachzutrauern, und noch weniger, Zeit und Kraft damit zu vergeuden, Zustände und Einrichtungen wiederherstellen zu wollen, die der Vergangenheit angehören. Sondern einzig Sinn und Bedeutung hat es, namentlich für die junge Generation, sich mit beiden Füßen fest auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen und auf Grund des Gegebenen nach Kräften mitzuarbeiten an dem Wohl und Fortschritt des eigenen Volkes und der Menschheit.
Denken Sie nun nicht etwa, ich wollte Ihnen als Gastgeschenk beim Abschied von der Schule ein politisches oder gar parteipolitisches Programm mit auf den Weg geben. Nein, die Reserve, die sich die Schule mit Absicht und phichtgemäß hinsichtlich der parteipolitischen Beeinflussung der Schüler auferlegt, soll auch in dieser Abschiedsstunde nicht durchbrochen werden. Was ich Ihnen vielmehr vortragen möchte, sind nur einlge überparteiliche Gedanken über das Verhältnis des Einzelnen zum Staate, im Sinne des Artikels 148 der Reichsverfassung. wo von der Schule Erziehung zu staatsbürgerlicher Gesinnung im Geiste des deutschen Volks- tums und der Völkerversöhnung gefordert wird, Dinge also, die Sie auch schon im Unterricht gehört haben; ich wollte sie nur in dieser Abschiedsstunde noch einmal besonders betonen und zusammenfassen.
Zur staatsbürgerlichen Erziehung gehört nicht etwa nur die Bekanntschaft mit der Ver- fassung und den übrigen Einrichtungen des Staates, nicht nur eine allgemeine Kenntnis von den Rechten und Pflichten des Bürgers und ähnliches mehr; sondern es gehört dazu vor allem eine tiefere Einsicht in die Entstehung und das Wesen des Staates und ein hierauf gegründetes inneres Verhältnis zum Staate. Es ist nun nicht möglich, in der Form einer kurzen Ansprache auf eine philosophische Begründung des Staatsbegriffes einzugehen, aber das kann gesagt werden, und darin sind sich wohl alle Auffassungen einig: Der Staat ist eine der ältesten und wichtigsten, ia man kann wohl sagen, die allerwichtigste Kulturerrungenschaft des Menschengeschlechts, eine Einrichtung, die sich der Mensch als G obttxo, als Gemeinschaftswesen, sobald er in größerer Zahl auf der Erde auftrat, aus natürlichem Bedürfnis geschaffen hat, eine Einrichtung. ohne die ein Zusammenleben der Menschen gar nicht möglich ist, und die weiterhin die Grund- bedingung für allen menschlichen Fortschritt und für alle menschliche Kultur ist. Der Staat ist das, was Schiller sagt mit den bekannten Worten:


