21 zu Berlin vollzogen worden ist. Bei Übernahme seines Amtes sprach der neue Direktor der Königlichen Behörde für das in ihn gesetzte Vertrauen seinen ehrerbietigsten Dank aus.
Er ging in seinem Vortrage davon aus, daß sich in der Gegenwart die Fragen des Unterrichts und der Erziehung in lebhaftem Fluß und starker Unruhe befinden. Schwere Anklagen werden gegen den höheren Unterricht, insbesondere den des Gymnasiums gerichtet; noch schwerere gegen die Erziehungsweise der höheren Lehranstalten. Man vermißt den lebendigen Pulsschlag der zeitgenössischen Kultur und die ausreichende Berücksichtigung der sich individuell entwickelnden Persönlichkeit des Schülers. Der erste Vorwurf verkennt, daß die wichtigsten Kulturbegriffe der Gegenwart ohne Vertiefung in ihre geschichtliche Entwickelung auch nicht annähernd erfaßt werden können; der zweite verwechselt die menschliche und jugendliche Natur, wie sie wirklich ist, mit einer erträumten, die man phantastisch konstruiert. Niemals wird die höhere Bildung auf das Studium der vergangenen Kultur verzichten dürfen; niemals kann die Erziehung des ehernen„Du sollst“ entbehren. Trotzdem es sich also in diesen Anklagen um maßlose Übertreibungen handelt, tut eine besonnene Pädagogik gut daran, sich mit ihnen auseinander zu setzen, sie zu prüfen und das Körnchen Wahrheit, welches sie enthalten, zu verwerten. Der Vortragende deutete in mehreren Einzelheiten an, was er unter solcher Verwertung versteht.
Am Schluß seiner Ansprache wendete er sich an die Schüler. Er sprach den Wunsch aus, daß immer mehr die echten, ursprünglichen und daher stärksten Beweg- gründe für Lernen und Leben der Schule zur Herrschaft gelangen möchten: für das Lernen die Wißbegierde, für das Leben der Wille zum Guten. Das bleibt unser Ideal, unser unverlierbares Ziel. Nicht Schulzwang und Erlangung von Berechtigungen sollten die Triebfeder für das Lernen sein, sondern Lust und Liebe zur Sache; nicht aus Furcht vor Strafe soll man das Schlechte meiden, sondern in freiwilliger Übereinstimmung mit dem Willen Gottes.
Der Feier in der Aula war eine herzliche Begrüßung des neuen Direktors durch den Senior des Lehrerkollegiums, Herrn Professor Dr. Eberhard, in der Lehrer- konferenz vorangegangen.
Bei Beginn des Schuljahres waren die Professoren Dr. Rost, Manns und Zimmermann an Übernahme ihrer Amtsgeschäfte verhindert: Prof. Zimmermann war zur Herstellung seiner Gesundheit weiterhin bis zu den Sommerferien beurlaubt worden; Prof. Dr. Rost aus gleicher Ursache bis zum 1. Juni; Prof. Manns war zu einer militärischen Übung einberufen, bei welcher er leider von einem Unglücksfall betroffen wurde. Sein Urlaub mußte daher bis zum 25. Mai verlängert werden.
Der Kandidat Dr. Israel war durch Verfügung vom 11. April d. J. der hiesigen Oberrealschule überwiesen worden. Die Kandidaten Müller und Dr. Bickel traten mit voller Stundenzahl ein. Die Vertretung des Prof. Dr. Rost übernahm der Kandidat Otto Gotthardt(seit dem 27. April d. J.).
22. Mai. An der Versammlung evangelischer Religionslehrer zu Weilburg beteiligen sich die Professoren Steyer und Sandrock.


