Jahrgang 
1904
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19 9. Königliches Provinzial-Schulkollegium, Cassel, 23. Januar 1904. J.-Nr. S. 631. Prof. Dr. Eigenbrodt wird zum 1. Mai 1904 in den Ruhestand versetzt. 10. Allerhöchste Ordre vom 10. Februar 1904. Professor Bleckmann erhält den Rang eines Rates 4. Klasse.

III. Schulgeschichte.

Das Schuljahr begann am 21. April 1903 mit 567 Schülern.

In den Osterferien, am 11. April, erlitt die Schule einen schweren Verlust durch den Tod des Professors Karl Wagner. Karl Wagner war ein Sohn des Hessen- landes, geboren am 29. November 1846 zu Ringenkuhl am Hirschberg, unweit von Groß- Almerode, Kr. Witzenhausen, wo sein Vater Bergverwalter war. Er besuchte das hiesige Lyceum Fridericianum und bestand Ostern 1866 das Abiturientenexamen; diente als Ein- jähriger vom 1. Oktober 1867 bis 1. Oktober 1868 im Jägerbataillon Nr. 11 zu Marburg, wurde 1870 als Reservist im Regimente 83 am 6. August bei Wörth dreifach verwundet, lag 2 Tage auf dem Schlachtfelde, ehe man ihn auffand, und wurde zu Hause schon unter die Toten gezählt. Am 15. März 1872 bestand er die Staatsprüfung zu Marburg, legte sein Probejahr am hiesigen Lyceum Fridericianum ab, wirkte zuerst am Gymnasium zu Wiesbaden, dann 12 Jahre lang am hiesigen Lyceum Fridericianum als Lehrer, trat bei der Gründung des Wilhelms-Gymnasiums in das Lehrerkollegium desselben ein und gehörte ihm bis zu seinem Tode, 17 Jahre lang, an.

Er war stets gesund und hatte zum ersten mal im vorigen Jahr zu seiner Er- holung ein viertel Jahr Urlaub genommen. Aus diesem kehrte er anscheinend gekräftigt zurück, bald aber zeigte sich wieder Ermüdung und Abspannung. Seit Weihnachten verfiel er sichtlich und es wurde immer deutlicher, daß er von einer schweren Krankheit ergriffen war. Doch hielt er sich tapfer aufrecht und gab seinen Unterricht bis 3 Wochen vor seinem Tode. Da erst nahm er Urlaub, um in Marburg Heilung zu suchen. Doch verschlimmerte sich sein Zustand rasch und ein Gehirnschlag machte seinem Leiden ein Ende.

Professor Karl Wagner besaß ein umfangreiches und gediegenes Wissen, besonders auf dem Gebiet der Geschichte; literarisch bekannt gemacht hat er sich durch seinen Abriß einer Geschichte des Hessenlandes 1889. Dazu war er ein geborener Lehrer, der durch seine Persönlichkeit sich die Herzen seiner Schüler gewann und durch seine Methode ihnen gründliche Kenntnisse beizubringen wußte. Vor allem aber war er ein charakter- voller Mann, ehrlich und treu, gediegen und von tiefem Gemüt. Kein Wunder, daß ihn eine große Schar ehemaliger Schüler verehrte und seine Kollegen und Freunde ihn hoch- schätzten. Endlich war er ein warmherziger Vaterlandsfreund, der ebenso sehr für das neue deutsche Reich, dessen Einheit er mit seinem Blute hat erringen helfen, begeistert war, wie er an seinem schönen Hessenlande und seiner Vergangenheit hing. Er war eine Zierde unseres Kollegiums und wir werden ihn nicht vergessen.