Jahrgang 
1893
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krankhafte Veränderung desselben in dem heutigen Geschlecht so häufig gemacht hat. Da die vernünftige, planmässige Ausbildung von Hand und Auge für die Entwickelung der menschlichen Kultur zweifellos von grosser Bedeutung ist, da von ihr selbst die Pflege des idealsten Gutes der Menschheit, der Kunst, abhängig ist, da eine Vernachlässigung jener Ausbildung, eine Verkümmerung von Hand und Auge einen nur äusserst schwer wieder auszugleichenden Verlust an Kraft für ganze Generationen bedeuten würde, so weist gerade hier der»Deutsche Verein für Knabenhandarbeit« mit Nachdruck auf die Erfahrung hin, dass ein Organ sich in seiner Leistungsfähigkeit immer mehr steigert, je mehr ihm an vernünftiger Ubung geboten wird. Der Handfertigkeits-Unterricht will überhaupt körperliche Kraft, Gewandtheit und Anstellig- keit erhöhen; zugleich will er bei heilsamer Abwechslung durch Entlasten des Gehirns und der Nerven den Schüler widerstandsfähiger gegen die rein geistigen Anstrengungen machen.

Nach einer besonderen Richtung hin will dieser Unterricht aber auch die geistige Ausbildung fördern, indem er nämlich das, was wir praktischen Sinn nennen, anregt, er will die Kraft wecken praktische Dinge zu beurteilen, er will auf diesem Gebiete auch zum folgerichtigen Denken anleiten, denn durch Zufall, ohne Einsicht und klares Verständnis für die zu lösende Aufgabe, kann hier dem Schüler keine Arbeit gelingen. Der Handfertigkeitsunterricht will endlich die Charakter- und Willensbildung fördern, indem er verschieden vom Turnunterricht eine Anspannung des Wiillens auf längere Zeit, eine Zähigkeit des Willens, geduldige Ausdauer verlangt, indem er zur Freude an dem Gearbeiteten und an der Arbeit führt, das Selbstbewusstsein steigert, zur Sauberkeit und Ordnung sowie(in der Verwendung des Arbeitsmaterials) zur Sparsamkeit anleitet.

Mittelbar führt der Handfertigkeitsunterricht zu manchen anderen segensreichen Folgen. Er ver- mittelt dem Schüler die Bekanntschaft mit den Stoffen und mit der Handhabung der Werkzeuge, welche dem allgemeinsten Bedürfnisse dienen, er leitet an zur richtigen Beurteilung guter Erzeugnisse des Hand- werks, er lehrt Achtung vor der Arbeit der Hände, vor dem Handwerk, und wirkt so der einseitigen Bevorzugung der geistigen Beruſsarten entgegen, er führt vielfach zu ciner richtigen Erkenntnis der eigenen Leistungsfähigkeit, er giebt Anleitung zur Selbstbeschäftigung für die freie Zeit, die aus irgend einem Grunde nicht den Leibesübungen und dem Spiel in der frischen Luft gewidmet werden kann.

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass der Handfertigkeitsunterricht, wenn er auch nicht auf ein Handwerk vorbereiten will, doch in mancher Bezichung der allgemeinen Entwickelung des Handwerks Förderung gewähren kann, indem er nämlich zur Schätzung guter Arbeit führt, die Achtung vor dem Handwerk erhöht, die körperliche Gewandtheit und Anstelligkeit fördert und so die technische Leistungs- fähigkeit des ganzen Volkes steigert, indem er endlich die Veranlassung werden kann, dass diese oder jene sonst anerkannte tüchtige Kraft dem Handwerk und Kunstgewerbe zugeführt wird.

4. Ordnung der öffentlichen Prüfung.

Freitag, den 24. März 1893. Chorgesang. 8 Uhr bis 8 Uhr 20 Min., I, 2, Geschichte, Oberlehrer Dr. Siebert I. Dekl. Polonius' Farewell to his departing son, aus Shakespeares Hamlet, vorgetragen von Jul. Leeser. 8 Uhr 20 Min. bis 8 Uhr 45 Min., II, Ia u. b, Latein, Oberlehrer Zwirnmann. Dekl. Deutsch und Fremd, von Em. Geibel, vorgetragen von Georg Jürgens, II, Ia. Philemon und Baucis, aus Ovids Metamorphosen, VIII, 620ff, vorgetragen von Karl Loeb, II, 1b. 8 Uhr 45 Min. bis 9 Uhr 10 Min, III, Ia, Mathematik, Oberlehrer Hey denreich. Dekl. Aus Schillers Glocke»Die Feuersbrunst», vorgetragen von Julius Rosenthal.