„Mit dem am Sonntag verstorbenen Professor Dr. Adolf Kreßner ist eine in jeder Hinsicht achtungswerte Persönlichkeit dahingegangen, deren liebenswürdige Charaktereigenschaften allseitig geschätzt wurden. Der Verstorbene, in dem wir einen bewährten Schulmann und feinsinnigen Schriftsteller verlieren, war eine durch und durch vornehme Natur. Die in seinem innersten Wesen wurzelnde ideale Gesinnung hat er auf seinem Lebenswege im Beruf, wie im öffentlichen und privaten Wirken segensreich betätigt. Wie seine Lyrik auf eine zarte, innige Note gestimmt war, so war auch seine sonstige schriftstellerische Arbeit auf eine milde, versöhnliche Weltanschauung gegründet. Er war der Vertreter einer dogmenlosen Religion der Liebe und des Mitleids, die alle Menschen der verschiedensten Nationen und Rassen als Brüder ansieht. Von diesen Gesichtspunkten aus erstrebte der Dahingeschiedene, indem er die einigenden kulturellen Momente in den Vordergrund stellte, eine geistige Annäherung der Völker, und in diesem Sinne ist er namentlich in früheren Jahren publizistisch hervorgetreten. Als der Anhänger eines Kosmopolitismus, der ihn nicht hinderte, ein guter Deutscher zu sein, beteiligte er sich lebhaft und mit ganzem Herzen an den Bestrebungen der Friedensgesellschaft. Auch an der Bewegung zur Schaffung einer von der Konfession unabhängigen, auf allgemein-mensch- licher Grundlage beruhenden ethischen Kultur beteiligte er sich. Er verfügte neben seiner philologischen Fachausbildung über eine umfassende literarische und philosophische Bildung und hat sich auf den verschiedensten Gebieten des Schrifttums, so im Epos, Lustspiel, Essay, betätigt. Sein starkes Ein- fühlungsvermögen und seine stilistische Gewandtheit befähigten ihn ganz besonders zum Ubersetzer, so hat er namentlich aus dem Französischen ins Deutsche Ubertragungen vorgenommen, wie er überhaupt für die französische Dichtung eine Vorliebe besaß und für eine geistig-literarische entente cordiale zwischen den beiden Nationen eintrat. Unter diesen Umständen war es erklärlich, daß die hiesige Freie Feder in dem feinsinnigen Asthetiker einen geeigneten Vorsitzenden fand, der dieses Amt mit Lust und Eifer führte, bis ihn ein schweres Leiden zwang, auf seine berufliche wie private Arbeit zu verzichten. Aber auch später noch hat er der Freien Feder sein Interesse und seine treue An- hänglichkeit bewahrt. Mit der gleichen Hingabe, die er der Literatur widmete, hat er auch in seinem Berufe gewirkt. Fünfundzwanzig Jahre hat er als Oberlehrer der Realschule mit bestem Erfolge ge- wirkt und sich bei seinen zahlreichen Schülern das liebevollste Andenken gesichert. Im Alter von 54 Jahren hat ihn jetzt der Tod von seinen Leiden erlöst. Ein ehrenvolles Andenken ist ihm sicher.“
Alle Amtsgenossen, die mit dem Verstorbenen zusammen gearbeitet haben, alle Schüler, die seinen hochbedeutenden Unterricht genießen durften, werden des hervorragenden Mannes stets in Dankbarkeit und Treue gedenken. Am 13. November gab die Anstalt dem Dahingeschiedenen das Geleit zum Grabe.
Die Schüler der oberen Klassen besuchten infolge ermäßigter Eintrittspreise eifrig das Königliche Hoftheater— Zur Vervollkommnung im praktischen Gebrauche der französischen und englischen Sprache beteiligten sich 30 Schüler der oberen und mittleren Klassen an dem inter- nationalen Briefwechsel mit gleichaltrigen Schulkameraden in Frankreich, England und den Ver- einigten Staaten von Nordamerika. Angemeldet waren 62, von denen also die Mehrzahl Berück- sichtigung, leider, nicht finden konnte.
Im Januar besuchte die Untersekunda mit Herrn Oberlehrer Gaebel die Kgl. Gemälde- galerie, im April die Prima mit dem Direktor das Kgl. Museum. Die Obersekunda wurde im Februar von Herrn Dr. Goetze in das städtische Elektrizitätswerk geführt.
Vor Weihnachten gelangte wieder eine große Anzahl der vom Casseler Prüfungsausschuß für Jugendschriften übersandten Flugblätter„Auswahl empfehlenswerter Jugendlektüre“ zur Ver- teilung an die Schüler.
Am 17. Dezember trug Herr A. Jordan im Saale Teile aus den Nibelungen seines Bruders Wilhelm und andere Dichtungen vor, wozu sich ein großer Teil der Schüler eingefunden hatte.
Im Oktober photographierte Herr Ingenieur Bardage aus Stockholm für die Königl. Pädagogische Gesellschaft daselbst alle Klassen der Anstalt und das Lehrerkollegium.


