Jahrgang 
1879
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Die Herbstferien dauerten 3 Wochen vom 7. September an. Sie waren ausnahmsweise so früh gelegt worden, weil im September für Cassel zwei ausserordentliche Ereignisse bevor- standen, die einerseits auf den ruhigen Fortgang des Unterrichts hätten störend einwirken müssen und andererseits die ungehinderte directe Theilnahme von Lehrern und Schülern wünschenswerth erscheinen liessen.

Hatte schon die 51. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, welche vom 10. bis 17. September in unserer Residenzstadt tagte, sich einer fortwährend steigenden Theil- nahme zu erfreuen und mehr und mehr Alles aus dem gewohnten Geleise gebracht, so werden doch in noch höherem Grade die nachfolgenden Tage allen Casselanern und den zahlreichen anwesenden Fremden unvergesslich sein. Nach schwerer Krankheit, die durch ruch- lose Mörderhand hervorgerufen war, genesen, trat Se. Majestät unser Kaiser Wilhelm zum ersten Male wieder mit Vertrauen unter sein treues Volk und verkehrte in der leutseligsten Weise mit allen, die ihr Beruf oder der Zufall ihm in den Weg führte.

Den Glanzpunkt der Festlichkeiten bildete für die Schulen und vielleicht auch für viele andere die Mittagsstunde des 22. September. Die Casseler Schuljugend beiderlei Geschlechts hatte sich, geführt von ihren Lehrern und Lehrerinnen, in einer Schaar von nahezu 9000 in festlichem Zuge auf dem Friedrichsplatze wohlgeordnet aufgestellt und intonirte, als sich unmittelbar nahe gegenüber auf dem Balkon des Stadtschlosses Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin und S. Kaiserliche Hoheit der Kronprinz zeigten, die Nationalhymne. Hierauf folgte eine kurze Ansprache des Königlichen Gymnasial-Directors Herrn Dr. Vogt, die mit einem weithin schallenden, von dem dichtgedrängten Publikum wiederholten Hoch auf Se. Majestät schloss. Sichtbar gerührt und ergriffen verweilten die hohen Herrschaften auf dem Balkon bis die letzte Reihe des Zuges unter den Klängen der Musik, die von mehreren Kapellen abwechselnd ausgeführt wurde, vor Hochdenselben vorbeimarschirt war. Den drei Festordnern, zu denen auch der Unterzeichnete gehörte, wurde dann alsbald noch die Ehre zu Theil, zu einer Audienz befohlen zu werden, wo Ihre Majestäten Ihrer Freude über die schöne Feier huldreichsten Ausdruck und weiter Auftrag gaben, Allerhöchst Ihren Dank allen Betheiligten, insbesondere auch den Eltern der Schüler und Schülerinnen zu übermitteln.

Die Weihnachtsferien dauerten vom 21. December an vierzehn Tage.

Die schriftliche Abiturientenprüfung fand den 12. bis 15. Februar statt. Die mündliche Prüfung steht noch bevor; über das Ergebniss derselben kann daher erst im nächsten Programm berichtet werden.

Die Aufgaben für die schriftliche Prüfung waren:

1) Ein deutscher Aufsatz über das Thema: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen.

2) Uebersetzung eines Dictats aus dem Deutschen in's Französische: Wallenstein.

3) Uebersetzung eines Dietats aus dem Deutschen in's Englische: Robinson Crusoe.

4) Vier mathematische Aufgaben, nämlich a) Aus einer eisernen Kugel, deren Radius r= 15 cm, wird durch Ab- feilen ein regelmässiges Oktaéder hergestellt. Wie schwer wird dasselbe wiegen? b) Die Seiten eines Dreiecks zu berechnen, von dem ha= 112 cm, he= 79,2 cm,= 440 29 52, 97 gegeben sind. 9 Ein Kapital macht mit den Tjährigen Zinsen zusammen 2101,95 M, ein 3mal so grosses Kapital mit den 5jährigen 5892,75 M, wie gross waren die Kapitalien und zu wieviel Procent standen dieselben? d) Wieviel Prämie muss Jemand zahlen, um sein Leben mit 10000 M zu versichern, wenn seine muthmassliche Lebensdauer noch 25 Jahre beträgt und eine vierprocentige Verzinsung zu Grunde gelegt wird.

In der letzten Woche des Februar revidirte Herr Provinzial-Schulrath Kretschel die Anstalt, indem er in fast allen Classen längere Zeit dem Unterrichte beiwohnte.

Den 22. März wird die Anstalt den Geburtstag Sr. Majestät unseres Kaisers und Königs Wilhelm I. durch einen feierlichen Schulact begehen, zu dem durch besonderes Pro- gramm eingeladen werden wird. Die Festrede wird Herr Reallehrer Dr. Hasselbaum halten.