Jahrgang 
1889
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11. Die Einführung des Unterzeichneten fand am 7. Januar mittags 12 Uhr durch den Vertreter des Kgl. Provinzial-Schulcollegiums, Herrn Provinzialschulrat Kannegiesser, Statt. Die Feier wurde mit einem Cheral eröffnet. Darauf ergriff der Herr Provinzial-Schulrat das Wort, um zunächst dem Herrn Amtsvorgänger des Unterzeichneten den Dank der Behörde auszsuprechen und sich dann über die Methodik des Unterrichts und die Aufgabe des Direktors zu verbreiten.

Darauf legte der neue Direktor*) seine Ansichten von der Schule im allgemeinen und der Realschule insbesondere kurz dar. Er besprach die Bedeutung der einzelnen Unterrichtsgegen- stände für das Bildungsziel der Realschule. Besonders hob er das Studium der neueren Sprachen hervor, wodurch der Schüler mit den nächst dem deutschen Volke wichtigsten Kulturvölkern der neueren Zeit bekannt gemacht und vor Überschätzung und Geringschätzung des Fremden und Eigenen bewahrt werde. Das Studium des Englischen und Französischen erscheine von ganz besonderer Bedeutung in einer Stadt, die einst unter Führung eines hochsinnigen Fürsten heimatlo- sen Fremdlingen ihre gastlichen Thore freundlich geöffnet habe, und aus der alljährlich zahlreiche junge Männer in die Fremde zögen, um sich fern von der Heimat niederzulassen oder, mit Kenntnissen bereichert, an den väterlichen Herd zurückzukehren. Die Schule wolle aber nicht bloss den Ver- stand entwickeln und schärfen, sie wolle vor allem auch das Gemüt der ihr anvertrauten Kinder pflegen, worin die Kraft des handelnden Menschen beruhe. Und das Gemüt müsse eine rechte Stätte im Religionsunterrichte und im Unterrichte in der Muttersprache finden. Eine Vernach- lässigung der Muttersprache dürfe man sich am allerwenigsten in einer Stadt zu schulden kommen lassen, wo die zwei Männer das Licht der Welt erblickt hätten, die lange, ehe das kostbare Gut der nationalen Einheit auf den Schlachtfeldern Frankreichs errungen war, durch ihre der vater- ländischen Sprache und Literatur gewidmeten Werke die Einheit des deutschen Volksgeistes gezeigt und gefestigt hätten. Sich der Aufgabe der Lehrer zuwendend, betonte er, dass wer an- dere erziehen wolle, gegen sich selbst der strengste Zuchtmeister sein müsse. In ihrem schweren. aber auch schönen Berufe wollten die Kollegen und er sich immer erinnern, dass die Menschheit ihre kostbarsten Schätze den Händen der Lehrer anvertraue. Sie wollten die ihnen anvertraute Jugend mit fester Hand leiten, aber immer auch des Spruches eingedenk sein:Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts als ein- nendes Erz oder eine klingende Schelle. Er schloss seine Ausführungen mit dem Wunsche, dass inmitten dieser gewerbfleissigen Stadt die Realschule die Werkstätte eines guten Geistes sein möge, deren Arbeiter sich von niemand an Eifer und Pflichttreue wollten übertreffen lassen.

Nachdem noch Herr Oberbürgermeister Westerburg den neuen Direktor namens der Städtischen Kollegien begrüsst und dieser für den Gruss gedankt hatte, wurde die Feier mit einem Choral geschlossen.

*) Ferdinand Schmidt, geb. den 9. Februar 1850 zu Braubach a. Rh., besuchte zuerst die Elementarschule daselbst und von 1865 70 das Gelehrtengymnasium zu Wiesbaden. 1870 studierte er in Bonn, 1871 und 72 in Mar- burg alte und neue Sprachen und bekleidete 1873 eine Hauslehrerstelle. Auf Grund seiner DissertationDe origine termini Kantianitranscendens erhielt er von der philosoph. Facultät der Universität Marburg am 24. März 1874 die philos. Doctorwürde; das Examen pro fac. doc. bestand er am 27. November 1874. Von 187475 war er als Hülfs- lehrer am Realgymnasium zu Wiesbaden und 187677 an einer Schule in London thätig, von wo er im Juli 1877 zurückkehrte, um eine Stelle an der höheren Bürgerschule, späteren Realschule, zu Wiesbaden zu übernehmen. Die- selbe bekleidete er bis Jan. 1889, wo er zur Leitung der hiesigen Realschule berufen wurde.