11
Bürgerſchaft dieſer Stadt eine Pflanzſtätte ächter Bildung ſei. Derſelbe öffnete hierauf das Haus mit den Worten:„Von Dank und Freude bewegt öffnen und betreten wir dieſes Haus und befehlen es dem Schutze des Allmächtigen. Er ſegne unſern Eingang und Ausgang.“ Alle Feſttheilnehmer begaben ſich nun in die Aula. Ein Chor:„Mit dem Herrn fang Alles an..“, eröffnete den feierlichen Act, es folgte Gebet, Dank und Anrufung des Segens Gottes, ein weiterer Geſang:„Alles, was Odem hat..“, Chor von Auer, nnd ſodann die längere Einweihungsrede des Directors. Er wies zunächſt hin auf die hohe Be⸗ deutung des Tages, des 18. Octobers, als eines der großen Gedenktage der deutſchen Nation, als Geburts⸗ feſt des erhabenen Thronfolgers, ganz beſonders aber als Ehrentag für die Bürger und Vertreter dieſer Stadt, die die größten Opfer nicht geſcheut haben, dieſe Bildungsſtätte der Jugend zu einer der erſten Zierden der hieſigen Stadt zu machen und ſprach insbeſondere den Dank der Anſtalt aus den Bürgern und der Obrigkeit der Stadt, der Baudeputation, Herrn Fabrikanten Wilhelm Backes, dem Stadt⸗ baumeiſter Herrn Thyriot, dem Fabrikanten Herrn Otto Lindenbauer, der durch eine reiche Stiftung*) zu dieſem Bau beigetragen und dadurch ſich und ſeinem früh vollendeten Sohn Friedrich, einem ehemaligen ausgezeichneten Schüler der Anſtalt, ein bleibendes Denkmal geſetzt hat. Der Redner knüpfte an die Be⸗ merkung, daß dieſer Tag hoher Freude auch eine neue Epoche für die Schule ankündige, Worte über die in dem genaunten Wahlſpruch bezeichnete Aufgabe der Schule nach den beiden Richtungen, der Erziehung zur Religioſität und zum Dienſt am Vaterland, einerſeits zur freudigen Annahme des heiligen Willens Gottes und zum Gehorſam als einem weſentlichen Stück wahrer Herzensfrömmigkeit, andererſeits zur Treue und Hingabe aller Kraft an ein ernſtes Lebensziel, beſonders aber zur Bewunderung und Liebe für alles Große und Schöne, was das deutſche Volk in ſeiner Geſchichte und Literatur aufzuweiſen hat, und ſchloß mit Segenswünſchen für die Schule, für die Stadt, für das ganze deutſche Vaterland mit ſeinem greiſen Heldenkaiſer. Hierauf wurde ein Erlaß des kgl. Prov.⸗Schulcollegiums zu Caſſel mitgetheilt, in welchem unter dem Ausdrucke des Bedauerns, daß es nicht möglich geweſen ſei, eins der Mitglieder jener hohen Behörde zur Betheiligung an dieſem Einweihungsacte zu entſenden, warme Wünſche für das Gedeihen unſerer An⸗ ſtalt, ſowie die Anerkennung der treuen Fürſorge der ſtädtiſchen Behörden für dieſelbe ausgeſprochen waren. Der Erlaß ſchließt mit den Worten:„Mögen auch in dem neuen Hauſe Fleiß und Strebſamkeit, Gehorſam und Zucht allezeit walten und Lehrende und Lernende mit Erfolg und Segen darin arbeiten, der Stadt aber aus den Knaben und Jünglingen, die darin ihre Bildung empfangen, geſchickte, vaterlandsliebende und gottesfürchtige Bürger erwachſen.“— Nun ergriff Herr Schulinſpector Junghenn das Wort. Er, der früher zehn Jahre lang als Lehrer an unſerer Schule gewirkt und darauf als Mitglied des ſtädtiſchen Schulvorſtandes, welchem die Realſchule früher unterſtellt war, und des Curatoriums derſelben bis zur Gegenwart nahe geſtanden, ſprach zunächſt in ſeinem und ſodann auch im Namen der höheren Töchterſchule, der vier ſtädtiſchen Bürgerſchulen, der katholiſchen Schule und der Privatſchulen hieſiger Stadt Worte der herzlichſten Theilnahme und der lebhafteſten Begrüßung, welchen er die wärmſten Wünſche beifügte, daß die Realſchule„auf der neuen, mit dem heutigen Tage betretenen, hellen und ausſichtsvollen Bahn auch ferner in Kraft beſtehen, blühen und gedeihen möge.“— Hierauf brachte auch Herr Gymnaſialdirector Dr. Fürſtenau im Namen der von ihm geleiteten Anſtalt Gruß und Glückwunſch und nachdem der Di⸗ rector für alle dieſe Beweiſe ehrender Aufmerkſamkeit und wohlmeinender Theilnahme den Dank unſerer Anſtalt ausgeſprochen, beſchloß der Geſang:„Heil dir im Siegerkranz...“ dieſe für Lehrer und Schüler unvergeßliche, eben ſo erhebende als würdige Feier. Die Schüler begaben ſich nun zunächſt in ihre Claſſen⸗ zimmer und von da in die neue Turnhalle, hielten daſelbſt einen Umzug und wurden dann entlaſſen. Dienstag den 19. October begann der Unterricht des Winterſemeſters.
Durch königl. Prov.⸗Schulcollegium zu Caſſel wurde unter dem 29. October eine Verfügung des Herrn Miniſters der geiſtlichen, Unterrichts⸗ und Medicinalangelegenheiten vom 14. October 1875 mit⸗ getheilt, betreffend die Feſtſtellung des Maaßes der für jeden Lehrgegenſtand zu erfordernden häuslichen Beſchäftigung und die angemeſſene Vertheilung auf die einzelnen Tage zur Verhütung von Ueberbürdung
*) Herr Lindenbauer hat der Stadt ein Capital von 40,000 Gulden übergeben, von welchem er 30,000 zu baulichen Zwecken und 10,000 zur Verwendung für die naturwiſſenſchaftlichen Unterrichtsfächer beſtimmte, vorerſt verzinslich, jedoch nur bis zu ſeinem, ſeiner Gattin und ſeiner Tochter Tode.
2*


