und erst wenn ein jaher Griff des Schicksals es von uns reißt, dann spüúren wir mit einem Male, welchen Wertes, welches Glückes wir teilhaftig gewesen sind. Darum würde es wohl in den Ernst dieser Stunde taugen, wenn ich an dieser Stelle versuchte, noch einmal ein Bild des Mannes zu geben, der so schnell von uns
men wurde. um, was unbewußt unser war, uns zu Bewußtsein und Verständnis zu bringen. Doch mir ist, als rührte ich dabei mit unheiliger Hand an einen Verklärten, der nicht mehr uns gehört, wenn auch sein Geist hier noch zu leben und zu weben und noch alles um uns von ihm zu reden scheint, wie vor kurzem, als er noch in frischer Lebendigkeit unter uns stand. Nur einige seiner Wesenszüge noch einmal hervorzuheben. sei mir erlaubt:
Fast überall wohin ich außerhalb Hanaus zu Taaungen und Versammlungen kam und mich zur Oberrealschule Hanau bekannte, war es neben den Namen Rausenberger, Zingel und Hoffmann der Friedrich Tischners, nach dem man mich am freundschaftlichsten und oft mit leuchtenden Augen fragte. Alle rühmten sein umfassendes Wissen. Und in der Tat. das war es: aber es war kein Wissen. keine Wissenschaftlichkeit. die sich aufblähend überall an den Mann zu bringen sucht und sich oft zu jenem unangenehmen Alles-besser- wissen-wollen steigert. Sein Wissen war kein toter Ballast, es war etwas Lebenförderndes, etwas Leben- durchdringendes. In großer Zurückhaltung nur, aber wenn man ihn fragte, gern teilte er allen von sich mit. Diese große Bescheidenheit war aber nur ein Ausfluß, ein Teil seiner Lauterkeit und Güte. Mit sachlicher und doch wohlwollender Unabhaäneigkeit kam er allen entgegen, suchte zu verstehen und verstand, denn er hatte neben dem Wohlwollen sich noch immer das Wohlgefallen an den Menschen bewahrt. jenes Gefühl, von dem einst der große Zweifler Friedrich so abwehrend sprach. Er war frei von der Krankheit unserer Zeit, in der so viele in parteipolitischer und konfessioneller Engstirnigkeit mißtrauisch und voreingenommen den Nachsten erst auf seine Partei- und Bekenntniszugehôrigkeit prüfen und danach über ihn urteilen und danach ihr Verhalten einrichten. Dennoch hatte er den Bekennermut des rechten Mannes und hielt mit seiner Meinung nicht zurück. Von seiner Güte im Kleinen werdet ihr, liebe Schüler, am allerbesten erzählen können. Er besaß die Gabe des echten Erziehers, das Gute, das Bejahende noch überal' zu schen. selbst da, wo andere verzweifelten: er sah es, er wollte es sehen, und ich bin überzeugt, er hat es oft mit seinem vertrauensvollen Glauben hingepflanzt, auch wo es nicht war. Hebbel hat einmal das tiefe Wort gesprochen:„Nenne einen Menschen fortgesetzt schlecht, und er wird schlecht!“ So aber mag auch umgekehrt das Vertrauen, das man. wie Tischner es tat, in das Gute des andern setzt, das Gute in ihm erzeugen.
Friedrich Tischner hatte in Schlacht und Krieg, wie Millionen seiner Volksgenossen, seine Pflicht Prtan: die restlose Hingabe an das Allgemeine, an ein großes Unpersönliches, die so viele erst draußen im
elde lernten, die dann aber das Tun auch des einfachsten Mannes adelte, sie gehörte immer zu seinem Wesen. Auch in seinem Berufe war er nicht gewohnt. sein kleines Ach und Weh stets in den Vordergrund zu schieben und Schonung zu verlangen. Er wollte als ganzer Mann auch ganz in seinem Tun stehen. Um so tiefer schmerzt es uns, daß gerade diese edle Eigenschaft eine der Ursachen werden sollte, die seinen frühen Tod herbeiführten.
Und dann war noch eines sein bestes Eigen, eine Kraft, die wärmend, versöhnend und einigend alles durchdrang und umschloß, eine Eigenschaft, die auch nur großdenkende, weitherzige und verständnisreiche Manner haben können, ein Wesenszug, den wir deshalb auch fast bei allen bedeutenden deutschen Menschen finden— sein froher Humor.
Humor ist immer das Kennzeichen einer freien Seele gewesen, einer Seele, die sich von den Fesseln unserer engen Menschlichkeit gelöst hat, aus freier, oft einsamer Hôhe mit versöhnendem Lächeln herabsieht auf alle die großen und kleinen Ungereimtheiten, wie auch auf die immer offenen Rätselfragen unseres Menschen- tums und sich und andern mit einem Worte hinweghilft über Schwierigkeiten, Bitterkeiten und Abgründe. Froh war sein Humor; er hatte nichts von dem Spott, der sich beißend ergießt über Dinge, Menschen und sich selbst und doch im Grunde nur zeigt, wie unfrei, wie wehrlos der Sprecher noch in den Niederungen irdischen Jammers steckt und wie vergeblich er sich müht, seine Ketten zu sprengen. Ihr alle, liebe Schüler. habt diese köstliche Eigenschaft an ihm kennen gelernt, und habt vielleicht bemerkt, daß sie sich oft so weit
erhob, daß er über sich selbst heimlich und offen lächeln konnte, wenn er sich einmal arg in Zorn über diesen oder jenen Sünder geredet hatte. Er besaß eben jene Selbstironie, von der einmal Raabe spricht und sagt, daß sie einer der drei Steine(Selbsttat, Selbstachtung, Selbstironie) sei, die man in den Sumpf des Lebens werfen soll, um trockenen Fußes hinüberzukommen.
Und nun ist er über den Sumpf dieses Lebens hinübergeschritten in das Land„von dessen Grenzen kein Wanderer wiederkehrt.“ Noch lange wird so mancher Kollege, selbstvergessend i'm Lehrerzimmer über seinen Heften sitzend, wenn die Türe sich öffnet, aufhorchen, ob nicht Tischner mit einer heiter trockenen Bemerkung eintritt, um dann in bitterem Besinnen sich zu erinnern, daß das alles nicht mehr sein soll und kann.
Doch das Leben steht nicht still. Immer neue Wellen der Menschheit drängen aus dem Lebensmeere ans Ufer, und der Einzelne ist im großen Weltgeschehen doch nur wie eine Figur im Sande, die das ewige Kommen und Gehen der Wogen gar bald verwischt hat. Auch wir müssen weiter wandern, wohin die Pflicht uns ruft; aber im Weiterschreiten summt uns das alte Lied in den Ohren:„Ich hatt' einen Kameraden, einen bessern findst du nicht!“, das Lied, das er, den wir heute betrauern, nach den Schlachten so manchem Kameraden einst selbst ins Grab gesungen hat.
Möge der Lenker der Menschengeschicke seiner gebeugten Gattin, seinen verlassenen Knaben und uns allen, die wir ihn geliebt und geschätzt haben, weiter Nlut und Kraft zum Leben geben, möõge sein Geist., sein Bild in Trübsal stärkend uns und den Seinen, Herz und Willen bestimmend, voranleuchten auf dem Wege aufwärts.
Sie, aber meine verehrten Kollegen, Euch, meine lieben Schüler und alle hier im Saale mit uns Trauernden bitte ich, sich zu erheben, und einige Augenblicke stillen Gedenkens und stummen Gebetes dem teueren Toten zu weihen.(Die Musik spielt eine feierliche Weise.)
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