Hochverehrte Anwesende, sehr geehrte Herrn Kollegen, liebe Schüler!
Die Stunde der Andacht, zu der wir uns heute vereinigt haben, soll dem Andenken unseres Kollegen, Eueres Lehrers Friedrich Tischners geweiht sein, der am 10. Juli gestorben ist, als sehr viele von uns fern von Hanau weilten.
Noch vor wenigen Monden stand er in lebensvoller Tätigkeit unter uns und als er von uns ging, um Gesundung zu suchen von dem Herzleiden, das seine Kraft zu lähmen begann, da zweifelten wir gar nicht, da konnten wir uns es gar nicht anders denken, als daß er bald wiederhergestellt in seiner alten unverwüstlichen Frische mit uns am gemeinsamen Werke mitschaffen würde. Noch im vorigen Jahre hat er hier von dieser Stelle zu uns gesprochen, um den Gefallenen und Toten unserer Anstalt die Ehre zu geben, und hat dabei so tief ernste und doch so lebensmutige und schaffensgläubige Worte gesagt, die noch vielen von uns in der Erinnerung geblieben sein werden.
Und nun ist sein Platz leer! Als uns die schlimme Nachricht traf, da starrten wir wie betäubt vor uns in die Leere: da standen wir in unserer armseligen Menschlichkeit vor dem Unfaßbaren und stammelten Worte und wieder Worte, als wollten wir uns über unsere eigene Menschen-Ohnmacht hinwegreden. Und wenn ich hier vor Ihnen stehe und auch nach Worten suche, die den teueren Toten ehren sollen. so halte ich unwill- kürlich inne, denn ein Wort klingt in mir an, das in einem die ganze Nichtigkeit alles dess'’, was man an einem Grabe sagen kann, bloßstellt. Shakespeare hat es geprägt, und es heißt„Mundehre“. Ja., Mundehre können auch meine Worte nur sein, und heiß muß es uns allen über das Gewissen laufen bei der Erkenntnis, daß den Lebenden geliebt, dem Lebenden mit handhafter Tat geholfen zu haben, christlicher, deutscher und würdiger gewesen wäre, als dem Toten jetzt Mundehre zu erweisen.
Jedes Grab, vor dem wir stehen, jeder liebe Tote ist uns deshalb eine Mahnung, ein Vorwurf; sie rufen uns zu:„Schaffet, solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ So ist auch uns im besonderen, meine Herren Kollegen, der Tod dieses Mannes, den wir ausnahmslos so sehr geschätzt haben, eine ernste Erinnerung an eine Pflicht, an die Pflicht, in enger Gemeinschaft zusammenzustehen, uns dem gemeinsamen Ganzen unterzuordnen, das Trennende von uns abzutun, das Einigende zu suchen und zu finden, und wie in Luthers einfachen und doch so markigen Worten es zur Erklärung der Gebote heißt„einander helfen und fördern, entschuldigen, Gutes reden und alles zum Besten kehren!“ Wem möchte das nicht leicht scheinen! Und doch sagen die Goethe’schen Verse:
„Was ist das Schwerste von allem?— Was dir das Leichteste dünkt!“
In den letzten Jahren haben Tod und Abgang erfahrener und älterer Mitarbeiter unserem Kollegium in seiner Geschlossenheit und Einheitlichkeit manche schwere Erschütterung bereitet. Friedrich Tischner war ein starker Pfeiler im Gefüge unseres Kollegiums; möge aber sein Verlust nun doch nicht, wie zu befürchten, das Gebäude noch mehr erschüttern, sondern eine eindringliche und wirksame Mahnung sein, uns fester bei unserer Arbeit zusammenzuschließen. Das wäre zum wenigsten ein Tun in seinem Sinne und seinem Geiste, damit ehrten wir das Andenken des Dahingeschiedenen am tiefsten. Auch Euch, liebe Schüler, ist der Tod Eueres Lehrers eine Nahnung. Auch Euch gilt, wenn auch in anderer Richtung, das warnende Wort:„Schaffet, solange es Tag ist, es kommt die Nacht. da niemand wirken kann!“ Die wertvollen, die hochwertigen Menschen sind selten in unseren Tagen geworden und werden immer seltener. Der Durchschnitt, die seichte Mittelmäßigkeit scheinen allerorten zu triumphieren und das Große, das Ueberragende zu überwuchern und zu ersticken. Und doch ist das Beste, das höchste Glück, das Menschen und besonders jungen aufstrebenden Menschenkindern, wie ihr seid, zuteilwerden kann, eine große, eine überzeugende Persönlichkeit; denn erst durch sie, durch wirkende und vorlebende Persönlichkeiten wird alles Wissen, werden alle Sachen zu lebendiger Wahrheit, die auch fortzeugend Gutes nur gebären kann. Wo sie fehlen, bleibt alles, was wir lehren, tote Vergangenheit, Schlacke, Rauch und Schall. Eine solche lebendig wirkende, vorbildlich strebende Persönlichkeit, keine leer- laufende Lehrmaschine war Friedrich Tischner, und hätte sie für Euch, liebe Schüler, sein können bei offenen und wachen Sinnen. Er war ein nicht alltäglicher Mann, der sich gabeselig geradezu verschwendete. Wohl denen unter Euch, unter uns und allen, die ihm nahe traten und reif genug waren, alles, was er in Fülle von sich gab, zu nutzen und seinen Geist auf sich wirken lassen. Und nun er tot ist und Euch nichts mehr sein kann, da sei er Euch wenigstens eine warnende Mahnung, ehe es zu spät ist, Herzen, Sinne und Willen den Männern zu öffnen, die, wie er, in redlichem Bemühen Euch bilden, zu Höhen der Menschheit hinaufführen und das Beste, was sie selbst haben, mit Euch teilen wollen. Alles Große, alles Gute, Edle und Wahre wandelt, wie W. Raabe einmal sagt, auf leisen Sohlen; es wandelt auch oft uns selber unbewußt neben uns,
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