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und es bedarf auch kéeines besonders scharfen Auges, um zu erkennen, welchen Weg die Ent- wicklung nehmen wird. Aber wie sich auch die Schule im einzelnen gestalten möge, möge sie immer eine Stätte bleiben, wo der junge Mensch seinen Stolz in die Erfüllung seiner Pflicht setzen lernt, wo er an dem lebendigen Beispiel derer, die ihm den Weg durchs Leben weisen, erkennt, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von jeglichem Wort, das aus dem Munde Gottes geht, eine Stätte, wo man Schätze sammelt, die weder Rost noch Motten fressen und nach denen die Diebe nicht graben, eine Stätte, an der sein Herz sich der Mahnung erschließt: Nicht an die Güter hänge dein Herz, die das Leben vergänglich zieren! Unserer Oberrealschule insbe- sondere wünschen wir, und ich weiß, daß dieser Wunsch auch aus den Herzen meiner freundlichen Zuhörer emporsteigt: Möge sie sich immerdar der Gunst der Bürgerschaft und der Fürsorge der städtischen Behörden erfreuen! Mögen alle, die in künftigen Tagen an der Anstalt des schönen, aber auch schweren und verantwortungsvollen Lehramtes walten, sich allezeit des Wortes des größten Lehrers der Menschheit erinnern: Du sollst den glimmenden Docht nicht auslöschen und das schwanke Rohr nicht zerknicken! Mögen sie bei ihrer Arbeit stets eines Wortes von Goethe eingedenk sein: Wehe jeder Art von Bildung, welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung zer- stört und uns auf das Ende hinweist, anstatt uns auf dem Wege selbst zu beglücken, und bei der Beurteilung der jungen Menschen mögen sie sich eines anderen Wortes von Goethe erinnern: Die Götter brauchen manchen guten Mann zu ihrem Dienst auf dieser weiten Erde, und noch eines dritten Wortes desselben Weltweisen: Keiner gleiche dem andern, doch gleich sei jeder dem Höchsten. Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich. Und denen, die in Zukunft in der Schule sich für das Leben rüsten wollen, widmen wir den Wunsch: Mögen die hellen Augen den Blick fest auf die Dinge der Erde richten, ihn aber auch oft zu den Sternen des Himmels erheben, mögen die Ohren sich willig jedem Worte öffnen, das aus dem Munde Gottes geht, mögen ihre Hände sich in fleißiger Arbeit regen und ihre llinken Fübße allezeit auf Gottes Wegen wandeln, zu ihrem eignen Heile, zur Freude ihrer Eltern, zum Segen für die Vaterstadt und das ganze Vater- land. Das walte Gott!
Die Reihe der Begrüßungen eröffnete Herr Geh. Regierungs- und Provinzial-Schulrat Dr. Kaiser-Cassel mit folgenden Worten:
Hochverehrte Anwesende! Von der Aufsichtsbehörde des Königl. Provinzialschulkollegiums in Cassel bin ich beauftragt, der Hanauer Oberrealschule zur Feier ihres 100 jährigen Bestehens die herzlichsten und aufrichtigsten Glückwünsche auszusprechen. Es ist ein Fest der Freude, des Dankes und der Hoffnung, das wir heute begehen! Der Freude darüber, daß das schöne Reis, das vor hundert Jahren gepflanzt wurde, sich trotz aller Fährnisse und Hemmnisse glücklich und stark entwickelt hat zu einem mächtigen Baum, der gepflanzt ist an den Wasserbächen und seine Früchte bringt zu seiner Zeit. Und unsere Feier ist eine Feier des Dankes gegen Gott, der zu dem Wollen das Vollbringen gegeben und die Arbeit gesegnet hat an so vielen Gliedern der feiernden Anstalt, Lehrenden und Lernenden. Und es ist eine Feier der Hoffnung, daß auch in Zukunft die Ober- realschule segensreich weiterwirken und sich immer mehr vertiefen werde in ihrer Aufgabe und immer vollkommener werde, sie zu lösen. Die Empfindungen werden von dem Provinzial-Schulkollegium und seinen Gliedern geteilt. Insbesondere hat mich der Herr Oberpräsident beauftragt, seine Glück- wünsche, die er bereits schriftlich zum Ausdruck gebracht hat, auch an dieser Stelle heute zu wiederholen. Was nun die eigentliche Bedeutung der heutigen Feier angeht, so hat uns die Fest- rede des Herrn Direktors die wichtigen und richtigen Gesichtspunkte hervorgehoben, und ich brauche auf diese Bedeutung nicht im besonderen näher einzugehen. Nur möchte ich zwei Gedanken aus der Festrede herausheben. Den einen legt mir der Ort nahe, an dem wir die heutige Feier be- gehen. Es scheint mir besonders bedeutungsvoll, daß wir das Jubelfest der Oberrealschule hier an geweihter Stätte begehen dürfen und daß wir daran erinnert werden, daß diese Anstalt hervor- gegangen ist aus dem vormalig lutherischen Gymnasium und als erste reale Anstalt gleichzeitig neben dem Gymnasium ihre Wurzeln einsenkte in kirchlichen und religiösen Boden. Und wenn auch das konfessionelle Prinzip, das seinerzeit dem lutherischen Gymnasium zur Entstehung ver-


