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Bis dahin haben die Eltern Zeit zu überlegen, die Neigung und Fassungskraft ihres Kindes zu prüfen und schliesslich zu entscheiden, welchem Bildungsgang ihre Söhne fernerhin folgen sollen. Man kann mit mehr Zuversicht an diese in vielen Fällen recht schwere Ent- scheidung herantreten; denn Kinder werden zu Knaben, diese zu Jünglingen, ihre geistige Be- fähigung tritt mehr und mehr zu Tag, sie vermehrt die Sicherheit des Urteils, erleichtert den Entschluss. Hätten wir an unserer seitherigen Schuleinrichtung festgehalten, so würden im Gegensatz zu dem Ebengesagten die Eltern genötigt gewesen sein, die vorerwähnte oft bedenk- liche Entscheidung schon beim Eintritt des Sohnes in die VI., also beim Beginn des 10. Lebensjahres zu treffen. Nur recht wenige sind in der Lage, dies schon so früh zu thun. An die grosse Mehrheit kann ein solches Verlangen billigerweise nicht gestellt werden. Gleich- wohl hätte es gestellt werden müssen, weil nach den jüngsten Instructionen beim Progymnasium, zu dem sich immer mehr Schüler meldeten, das Lateinische von Ostern an in VI. und das Französische erst in V. beginnen sollte, während dieses in der Realschule schon in VI. zu be- ginnen hatte, ein Uebertritt mithin von da an nicht mehr statthaft sein konnte.
Die bei uns so sehr begünstigte französische Sprache hat in den letzten Jahren, wo sich die Verhältnisse unserer Stadt so sehr verändert haben, an ihrer Wichtigkeit für die fernere Lebensstellung des von der Schule abgegangenen Jünglings an Bedeutung wesentlich verloren. Dazu kommt, dass die Schüler, welche an dem lateinischen Unterricht Anteil genommen, im Stande sind, die Schwierigkeiten, welche auch die Grammatik der französischen Sprache bietet, als Tochtersprache des Lateinischen weit leichter zu überwältigen Als geistiges Bildungs- mittel ist das Lateinische durch kein anderes zu ersetzen; die Grammatik desselben gewöhnt schon den Knaben an ein scharfes logisches Denken.— Es kam mehrfach vor, dass solche von unsern Realschülern, die ihre Studien weiter fortsetzen wollten, das Latein noch mit Mühe nachlernen mussten.— Den jungen Leuten, welche die Schule absolviert, sind die Lebens- wege zu einer grossen Anzahl von Berufsarten verschlossen, sobald klassische Bildung ihnen vollständig abgeht. Darum weg mit der Frage:„Warum soll mein Junge Lateinisch lernen?“ Er soll's erlernen, damit er nicht blos in seiner Vaterstadt, sondern auch in der Welt durch die erworbene allgemeine Bildung gut fortzukommen befähigt wird.
Nach solchen und ähnlichen Erwägungen, wie nach dem Vortritt zahlreicher anderer Städte des preussischen Staates haben nun am 15. Februar d Js. unsere Localbehörden auf Antrag der Direction einmütig beschlossen, jetzt eine zeitgemässe, durchgreifende, auch für die Zukunft Bestand habende Reorganisation der Realschule vorzunehmen und dieselbe nach dem Rate unseres neuen Provinzial-Schulrats, Herrn Dr. Lahmeyer, vom Beginn des nächsten Schuljahrs an nach und nach in ein Realgymnasium zu verwandeln. Dass diese Ver- änderung vorläufig nur mit der untersten Klasse vorgenommen werden kann, dass sie den Studiengang der anderen Klassen jetzt noch nicht berührt, ist selbstverständlich. Nur allmählich, von Jahr zu Jahr um eine Klasse nach oben weiter fortschreitend, muss die neue Einrichtung gewissermassen in die Anstalt hineinwachsen.
Haben Schüler später die Reife für die Unter-Secunda des fertigen Realgymnasiums erlangt, so bekommen sie dort den Qualificationsschein für den einjährigen freiwilligen Militärdienst.
Nur der Umstand machte das Vorhaben einigermassen bedenklich, dass uns seither— allerdings vereinzelt— auch solche Knaben zugeführt wurden, die vermöge ihrer geringen Fassungs- kraft nicht im Stande sind, die Aufgaben, welche aus dem Erlernen des Lateinischen erwachsen, mit Erfolg bewältigen zu können. Für solche Kinder würde es jedoch ganz unbestritten ein wahres Glück sein, wenn man sie einer niederen Schule einverleiben wollte. Dort würden sie, wenn auch ein geringeres, aber doch ein abgeschlossenes, ganzes Wissen in sich aufnehmen, während sie, aus den unteren Klassen einer höheren Schule abgehend, nur einen ziemlich wert- losen Bruchteil mit in das Leben hinüber nehmen Niemand wird behaupten wollen, dass man berechtigt sei, einzelner unbefähigter Schüler wegen die zeitgemässe Reorganisation einer ganzen Lehranstalt zu hemmen, resp. unmöglich zu machen.


