Jahrgang 
1900
Einzelbild herunterladen

27

Am 7. Mai wurde Herr Prorektor Professor Dr. Schmidt plötzlich aus diesem Leben abberufen. Jahrelang hatte er schwere und peinliche Leiden mit bewundernswerter Ergebung getragen, und als er nun das Schlimmste überwunden zu haben glaubte und baldige Wiederaufnahme seiner so lange schmerzlich entbehrten amtlichen Thätigkeit hoffen durfte, da machte ein jäher Tod allen seinen Hoffnungen, aber auch allen seinen Leiden ein Ende. Das Schmeralichste, die Erkenntnis, daß ihm seine Leiden die Ausübung seiner Amts- pflichten bald dauernd unmöglich machen würden, ist ihm erspart geblieben. Er ist plötz- lich von uns gegangen, den Ausdruck froher Hoffnung für die Zukunft und demütigen herz- lichen Dankes für die Vergangenheit so zu sagen noch auf seinen Lippen tragend.

Am Montag den S. Mai entwarf der Unterzeichnete im Anschluß an die Morgenandacht vor der versammelten Schulgemeinde ein Charakterbild des Heimgegangenen und bezeichnete als dessen Hauptzüge wahrhafte Frömmigkeit und Adel der Gesinnung, der sich vor allem in der selbstlosen Hingebung für andere, in seiner völligen Uneigennützigkeit zeigte.

Am 9. Mai fand die Beerdigung statt. Die ganze Schule gab dem Entschlafenen das letzte Geleite, Schüler der beiden oberen Klassen trugen ihn zur letzten Ruhestätte.

UÜber den äußern Lebensgang des Heimgegangenen ist dem bereits im Jahresbericht für 1888 Berichteten wenig hinzuzufügen. Solange er wirken konnte, hat er seine ganze Kraft, bis zum letzten Atemzuge hat er sein lebhaftestes Interesse der Schule gewidmet. Seine in so vielen Beziehungen vorbildliche Lebenshaltung und seine in allen Verhältnissen bethätigte liebenswürdigste Gesinnung verschafften ihm die Hochachtung aller und die Liebe und Verehrung der ihm Nahestehenden. Sein Andenken wird an unsrer Anstalt in hohen Ehren bleiben.

Am 15. Juni hielt Professor Hafner die Ansprache zum Gedächtnis weiland Kaiser Friedrichs III.

Die Sommerferien dauerten vom 1. bis zum 31. Juli einschließlich.

Am 19. August trat Professor Dr. Kraatz einen dreimonatigen Urlaub an, um seine geschwächte Gesundheit wiederherzustellen. Mit seiner Vertretung wurde der Wissen- schaftliche Hülfslehrer Dr. Josef Metzen beauftragt.

Zur Feier des Sedantages führte die Gymnasiastenkapelle am 1. September den Zapfenstreich aus und leitete den Festtag durch einen Weckruf ein. Bei der in gewohnter Weise in der Aula abgehaltenen Feier entwarf der Oberprimaner Privat ein Lebensbild des Grafen Moltke. Am Abend war den Schülern der drei oberen Klassen ein Festtrunk in der schön geschmückten Turnhalle gestattet, an dem sich die Mehrzahl der Lehrer peteiligte. Am 9. September fand unter dem Vorsitz des Unterzeichneten die Reifeprüfung statt.

Am 19., 20. und 21. September wurde die Prüfung der dem Gymnasium zuge- wiesenen Nichtschüler abgehalten. Den Vorsitz führte bis zum 20. nachm. 4 Uhr Herr Geheimer Regierungsrat Provinzialschulrat D. Dr. Lahmeyer, von da an der Unterzeichnete.

Von den 14 Prüflingen hatten 5 nur dieErgänzungsprüfung im Lateinischen und Griechischen zu machen. Unter den 9, die die vollständige Prüfung ablegten, befand sich auch eine junge Dame, Fräulein Alix Westerkamp aus Marburg. Es verdient erwähnt zu

4*