Jahrgang 
1888
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das Gebäude, zu deſſen Vollendung ihr in ſpäteren Jahren eifriger Hand anlegt, einmal über Nacht zuſammenbricht und euch mit euren ſchönſten Hoffnungen und Plänen jämmerlich verſchüttet. Wenn das Fundament lückenhaft und nachgiebig iſt, wenn die Fundamentalkenntniſſe auch. nur in einem Teile fehlen, dann müht ihr euch in ſpäteren Klaſſen oft vergeblich um die Erreichung des Klaſſenziels ab. Mögen dann auch eure Lehrer ihre Mühen und Arbeit verdoppeln, es wird euch wenig fruchten, da euch die eigenen Kräfte im Stiche laſſen.

Seid ihr jedoch von unten auf gewiſſenhaft in eurer Pflichterfüllung, dann werdet ihr leicht im Stande ſein, unter Leitung eurer Lehrer die Bauſteine der Kenntniſſe in geſchickter Weiſe aufeinander zu paſſen und zuſammenzufügen, um in planmäßiger Weiſe von Stufe zu Stufe, von Klaſſe zu Klaſſe, immer vorwärts, immer höher zu ſchreiten..

Und hier muß ich warnen vor einem Mißgriff, der von Schülern nicht ſelten gemacht wird. Sagt einmal an, was würdet ihr urteilen, wenn die Werkleute hier und da an der Fronte und an den Seiten einen Stein ganz beſonders ausgezeichnet, mit großer Mühe und Feinheit vielleicht eine Figur oder eine ganze Darſtellung darauf gemeißelt, die Steine nebenan aber, weil unterdes die Zeit drängte, unbehauen, ſchief und querſtändig gelaſſen hätten. Ihr müßtet geſtehen, ſo ſchön der Stein auch ſein mag, hier paßt er nicht und vermag nicht die Fehler zu verdecken, welche die ganze Stelle zeigt. So mögt ihr aus dieſem Gleichnis ſchließen, teure Schüler, was von der Arbeit eines ſolchen Schülers zu halten iſt, der ein einzelnes Fach, vielleicht ſogar ein nebenſächliches, auf Koſten der anderen betreibt. Auch hier müßt ihr genau nach dem Plane arbeiten, den euch die Schule vorlegt, nichts übertreiben, nichts unterſchätzen, nur dann entſteht ein Bau, in welchem Linie zu Linie, Stein zu Stein paßt, ein Werk aus einem Guß.

Allerdings ſind da auch oft zentnerſchwere Steine zu bewältigen, ihr werdet in eurer Arbeit oft großen Schwierigkeiten begegnen, ſodaß ihr mitunter im Begriffe ſeid den Mut ſinken zu laſſen und an dem Erfolge zu verzweifeln. Doch da heißt's eben, wie oft im Leben:

Ora et labora, bet' und arbeit', Dann hilft Gott allzeit!

Mut, Ausdauer und Gottvertrauen, das ſind drei kräftige Mittel, deren ſteter Gebrauch auch euch, liebe Schüler, den ſicheren Erfolg bei eurer Arbeit verbürgen wird.

Indem ihr ſo unabläſſig nach eurem Ziele hinſtrebet, müßt ihr ganz beſonders darauf bedacht ſein, daß euer Werk ſich zu einem ſchönen, formvollendeten Ganzen geſtalte.

Wo iſt ſie aber zu finden jene höhere Form, jenes einheitliche geiſtige Band, das unſere Bau⸗ materialien zu einem ſtilgerechten Ganzen geſtaltet?

Es iſt die reine, lautere Geſittung, die da wurzelt in den Grundſätzen der Religion und ihrer Bethätigung, und die dem Menſchen den Charakter der göttlichen Abkunft und Beſtimmung verleiht; ſie iſt eben jener geiſtige Mörtel, der dem Formloſen und Unſteten an Charakter des Formvollendeten und Geſchmackvollen, des Feſten und Dauerhaften gibt. Denn Kenntniſſe ohne Charakter, ohne wahre Sittlichkeit gleichen regellos aufgehäuften Steinmaſſen, die über dem zuſammenzuſtürzen drohen, der es wagen ſollte ſeine Behauſung darin zu ſuchen. Der Sturm braucht nicht einmal beſonders heftig zu ſein, um jenes Gebäude aus ſeinen Angeln zu heben, deſſen Wände aus loſe aufeinandergeſetzten Steinen beſtehen. So iſt auch, liebe Schüler, in dem bewegten Leben unſer geiſtiges Gebäude vielen Stürmen ausgeſetzt, und es wird nicht gerade der heftigſte erforderlich ſein, um es zu erſchüttern und wankend zu machen, wenn wir nämlich während unſerer Jugendzeit lediglich auf die Maſſe der Steine und nicht auf ein einheitliches ſtarkes Band unſer Augenmerk gerichtet haben. Wollen wir im Leben keinen Schiff⸗ bruch leiden, dann dürfen wir nicht lediglich auf den Erwerb reichlicher Kenntniſſe bedacht ſein, nein, in nicht geringerem Grade muß es unſer Beſtreben ſein, uns ſtets der guten Sitte, einer echten Herzens⸗ und Charakterbildung zu befleißigen.

Daher bildet ja auch die ſittliche und religiöſe Erziehung eine der Hauptaufgaben, die der Schule neben der Verſtandesbildung zufällt, und ſie würde der Löſung ihrer Aufgabe nur teilweiſe gerecht wer⸗ den, wollte ſie ſich mit der letzteren zufrieden geben. Damit jedoch die Arbeit der Schule auch nach