Jahrgang 
1877
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Denn die dunkele Brust wird Gott dem Lichte erschliessen. Und von Allen ausgehen wird Weinen und Knirschen der Zähne. Bleicher werden der Glanz der Sonn' und die Reigen der Sterne;

Und das Gebirge wird gleich der Ebne und jegliches Meer wird Schiffahrt besitzen nicht mehr; denn vom Blitz ist entzündet die Erde

Aber zu Gottes Richtstuhl kommen die Könige alle. Und ein Strom von Feuer und Schwefel wird fliessen vom Himmel. Aber ein Zeichen wird dann für Alle, ein kenntliches Siegel

Für die Gläub'gen das Holz sein, das Horn, nach dem man begehret, Welches das Leben gewähret den Frommen, der Welt aber Anstoss,

Das die Berufnen mit Wasser, durch zwölffache Quellen erleuchtet.

Und der eiserne Stab des Hirten wird alsdann regieren.

Das ist der unsrige Gott, beschrieben jetzt in Akrostichen,

Der Erlöser und König, unsterblich, der für uns gelitten.

Am wichtigsten für den Zweck dieser Abhandlung, welche nachweisen will, dass auch durch das Volk Israel unter den Heiden über Christus, den grossen König, Friedens- bringer und Welterneuerer, Zeugniss abgelegt wurde, ist aber die vorchristliche jüdische Sibylle. Dass es überhaupt eine solche gegeben, steht nach Friedlieb ausser Zweifel ¹). Er citirt dafür aus dem jüdischen Geschichtschreiber Flavius Josephus ein Fragment aus einer Sibylle, welches auf der biblischen Erzühlung des babylonischen Thurmbaues beruht. Im dritten Buche der uns erhaltenen sibyllinischen Orakel, wo über den Messias geweissagt ist, haben wir nun nach begründetster Annahme ein solch Jüdisches Sibyllenwerk vor uns. Der jüdische Dichter, welcher nach Ewalds Untersuchungen dies dritte Buch abfasste, lebte in Egypten und zwar in Alexandrien um das Jahr 124 v. Chr. und war ²) ein in griechischer Sprache und Dichtkunst hochgebildeter Mann. Er wollte die messianischen Hoftnungen seines Volkes auch den Heiden, ja den hochgebildeten kunstliebenden Griechen jener Zeit in treffendster und gefälligster Gestalt vorführen. Dafür gab es aber keine reizendere, als die der Sibyllen; sie wählte er darum, und da er namentlich die griechischen Zeilen zweier berühmter Sibyllen, der erythräischen und der italischen sichtbar sehr gut kannte, 80 schloss er sich ihrer Art stark an. Aber seine Sibylle erhebt sich weit über die Genann- ten, ihrem Geiste nach. Sie führt sich ein ³) als die Schwiegertochter Noes, dessen Sesammte göttliche Weisheit über Zukunft und Vergangenheit sie mit angehört, und von Babylon nach Hellas gelangt, will sie das kommende Feuer(die messianlsche Zeit

Isai. 1. 31. Luc. 12. 49) verkünden.

1) Orac. Sibyll. Einleitung S. IX.

2) Ewald a. a. O. S. 63 ff. 3) Oracul. Sibyll. Buch III. V. 808 828.