Jahrgang 
1901
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Melodiebildungen vor, die frappant von denen der übrigen Minnesänger abstechen und neben auffallendem Wohllaut auch mehr rhytm. Gehalt aufweisen, so bedenke man, dass das offenbar musikalisch befähigte Köpte waren, die es ver- standen volkstümliche Melodien in glücklicher Weise nach- zuahmen und damit die anderen dilettantenhaften Versuche zu überflügeln. Und das ist gewiss: Vieles in ihren Me- lodien klingt so einfach-schlicht, so wahr und unverdorben und ungekünstelt wie es eben nur dem Empfinden des Volkes, nie aber dem religiösen Pathos der Kirche abgelauscht sein kann.

Den Verkehr des Fahrenden mit den höfischen Minne- sängern erwähnten wir. Von Ort zu Ort, von Land zu Land ziehend stand er aber auch in steter Berührung mit dem Volke. Selbst Volksmann und nur ausnahmsweise vor- nehmer Herkunft, hat er aus Lust am Wanderleben und am Sange diesen Beruf ergriffen und singt dem Städter und Bauer bei Hochzeiten und Kirmsen, auf dem Markt und unter der Dorflinde seinen Vorrat auswendig gelernter Lieder vor. Doch nicht nur diese auch dieHerren-Weise, wie er sie auf Burg und Hof kennen gelernt hatte, ertönt zwischen- durch, wenn er sie dem Volksgeschmack verwandt hält. So pleibt denn auch umgekehrt die höfische Dichtung nicht. ohne Einfluss auf das Volkslied, dessen äussere Form sich an dem Vorbilde der höheren Dichtung weiter entwickelt, ohne dabei in die naheliegende Unnatur und Künstelei zu verfallen.

Das zeigt sich so recht an jenem anmutenden, warm- blütigen Volksliedchen des 13. Jahrhunderts, das sich Werinher, ein Priester der altbaierischen Benediktiner Abtei Tegernsee, in einem Codex einzeichnete:

Du bist min, ih bin din, des solt gewis sin. du bist beslozzen in minem herzen; verloren ist das sluzzelin muost immer drinne sin ¹). Zum ersten Male vernehmen wir hier den treuherzigen,

¹) Böhme, Altd. Liederbuch No. 125.