V. Zur Geschichte der Anstalt.
1. Der Beginn des Schuljahres fiel auf Montag, den 23. April 1928, der Schluß wird Samstag, den 23. März 1929 sein.*
2. Die Schülerzahl betrug am Ende des vorigen Schuljahres 289. Während der Osterferien verließen uns aus der Oberprima die 20 Abiturienten nach bestandener Reife- prüfung, außerdem noch 23 Angehôrige der übrigen Klassen, im ganzen also 52 Schüler. Zu den noch zurückgebliebenen 237 traten zu Beginn des Schuljahres 64 und im Laufe desselben 17 Schüler hinzu. Die Gesamtzahl war so gestiegen auf 318. Die hohe Schüler- zahl beweist aufs deutlichste, wie notwendig unsere ausgebaute Anstalt ist und wie segens- reich sie wirkt für einen recht weiten Bezirk, dessen Kinder unsere Stadt dank des guten Eisenbahnnetzes täglich bequem erreichen können. Wie im vorigen Jahre machte sich auch diese Ostern bei der Schüleraufnahme der Geburtenrückgang während des Krieges sehr bemerklich; wir konnten nur 27 Sextaner einschulen, darunter keinen nach 3jährigem Grund- schulbesuch. Andererseits kehrten auch dieses Jahr in die Oberklassen wieder Schüler zurück, die schon eine Reihe von Jahren mit der Reife für Ila oder lb in einem Beruf gestanden hatten und sich nun zum besseren Fortkommen nachträglich eine erweiterte Schuſbildung erwerben wollten. So finden sich auch unter den diesjährigen Abiturienten 8, die zur Erlangung des Reifezeugnisses den seitherigen Beruf wieder mit der Schulbank vertauscht haben.
3. Der Unterricht. Der verbindliche Unterricht wurde nach dem neuen Lehrplan vollständig durchgeführt. An wahlfreiem Unterricht waren eingerichtet je 1 Stunde Kurz- schrift in IIIb, IIla, IIb und Ila, Ib und la, je 3 Std. Latein in Ilb, Ila, Ib, la nach dem Lehrplan für Oberrealschulen und nach dem für Realgymnasium je 2 Std. in IIla und IIIb, bzw. IIb. Chemische Uebungen wurden gehalten in IIa, biologische in Ib und la.
4. Personalangelegenheiten. Das neue Schuljahr brachte mehrere Veränderungen in der Zusammensetzung des Lehrkörpers, indem uns zu unserem lebhaften Bedauern Studienrat Steuernagel und Frl. Assessor Kutzner verließen. Im Oktober 1913 von Ober-Ingelheim hierher versetzt an die damalige„Hõhere Bürgerschule“ hat Studien- rat Steuernagel während seiner nahezu 15-jährigen Tätigkeit nicht unwesentlichen Anteil an den Geschicken und an der Entwicklung der Anstalt. Mehrfach hat er die Direktions- geschäfte geführt, zunächst 8 Wochen im Mai und Juni 1914 während einer Offiziersübung des Direktors. Ueber 1 ½ Jahr lang, von der Mobilmachung bis zur eigenen militärischen Einberufung im April 1916 hat er dann an Stelle des im Felde stehenden Direktors mit Geschick und Umsicht die Schule hindurchgesteuert durch die mannigfachen Nõte und schwierigen Verhältnisse, die der Krieg brachte. Während der 9 Friedensjahre lag ihm als Gehilfe und Vertreter des Direktors der weitere Ausbau der Schule sehr am Herzen, die Angliederung der Obersekunda und der Aufbau der beiden Primen. So bedeutet sein Weggang an die Liebigs-Oberrealschule nach Darmstadt, den wir nach 15-jähriger Tätigkeit in einem Landstädtchen wohl verstehen können, für unsere Schule, ihre Verwaltung, das Kollegium und die Schülerschaft einen grossen Verlust. Die treue und erfolgreiche Arbeit des von Lehrern und Schülern gleich verehrten Kollegen wird stets in dankbarer Erinnerung bleiben, sein Name wird mit der Geschichte der Anstalt stets aufs engste verbunden sein.— Unter äußerst ungünstigen und schwierigen Verhältnissen hat Frl. Kutzner der Schule besonders wertvolle Dienste geleistet. Lag ihr doch bei ihrem Eintritt in unser Kollegium die umfangreiche Aufgabe ob, die bescheidene chemische und geologische Einrichtung aus- zubauen, daß sie den Anforderungen einer Vollanstalt in jeder Weise gerecht wird. Zunächst stellten die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Inflationszeit mancherlei Anforderungen an das persönliche Können eines Institutsverwalters. Später erschwerte die wiederholte Ver- legung des Kabinetts in immer kleinere, unzulänglichere Räume nicht nur den chemischen Unterricht, sie verursachte auch vor und während der baulichen Veränderungen im alten Schulgebäude reichlich Anlaß zu entsagungsvoller, aber stets freudig verrichteter
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