Jahrgang 
1915
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einem akademischen Lehrstuhl; aber erst wollte er ein tüchtiger Oberlehrer werden, um so desto gewisser später erfolgreich wirken zu können, ehe er darauf seine Gedanken fest ein- stellte. Welche Unsumme geistigen Kapitals vernichtet doch dieser Krieg!

Als dritten mußten wir den Lehrer an unserer Vorschule Herrn Heinrich Schepp hingeben. Er fiel, kaum verheiratet, am 26. September im Kampfe bei Cernay gefaßt und siegesgewiß. Er war der großen Zeit wert, die ihn für sich forderte. Mit einem Idealismus, wie man ihn selten in unserer materiell gerichteten Zeit findet oder, sagen wir hoffentlich besser, fand, trat er an alle Fragen des Lebens und insbesondere seines Berufes heran. Er war einer der wenigen Lehrer, die in ihren Stunden begeistert und begeisternd immer ihr Bestes zu geben verstehen. Mit verhaltener Spannung hingen die Kleinen an seinem Munde, wenn er, unterstützt von seinem hervorragenden Zeichentalente, sie in die Zauberwelt der Märchen einführte oder durch selbsterfundene Geschichten trockenen Lehrstoff wirkungsvoll belebte. Und gleich groß war seine erzieherische Begabung. Denn er verstand, wie einer, in der Kinderseele zu lesen, und psychologische Probleme waren es, die seinen Geist vor- zugsweise beschäftigten und ihn zu seiner weiteren Ausbildung den Vorlesungen der Universität zuführten. Liebevoll ging er auf die Neigungen der Kleinen ein und leitete sie zielsicher von der Lust am Spiel hinüber zu dem Ernste der Arbeit. Wohl keiner von ihnen ging nicht mit heller Freude in die Schule. So versichern die Eltern, und so las man es aus den leuchtenden Augen der Kinder. Die Vorschule hat durch seinen Tod einen schweren Verlust erlitten.

Auch von den Schülern, die von der Schulbank weg ins Feld eilten, hat einer bereits sein junges Leben lassen müssen. Der Obersekundaner Gustav Kutzner fiel am 4. Dezember bei Maladuca-Mierzonska in Polen. Aus der Enge der Schule drängte es den jungen Menschen, der als eifriger Freund aller Leibesübungen seinen Körper gestählt und geschmeidigt hatte, hinaus in das Getriebe des Krieges. Die Erfüllung seines Herzenswunsches, ein schneidiger Offizier zu werden, hat ihm sein früher Tod versagt.

Die Lücken, die der Krieg in den Reihen des Lehrerkollegiums hatte entstehen lassen, konnten zum Teil durch die Berufung der Herren Lehramtsassessor Karl Dahmer und Lehr- amtsreferendar Karl Braunewell, zum Teil durch die Uebernahme von Mehrstunden von seiten der zurückbleibenden Herren einigermaßen wieder geschlossen werden. Zudem erbot sich Herr Univ.-Professor Dr. Horn unaufgefordert, in der Ib den französischen und eng- lischen Unterricht zu erteilen. Wir fühlen uns gedrungen, ihm unseren herzlichsten Dank für seine kräftige, selbstlose Mithilfe hier noch einmal öffentlich auszusprechen.

So war es uns denn möglich, zumal da die Stunden in unserer Oberprima wegfielen, fast den gesamten Unterrichtsbetrieb aufrecht zu erhalten und zur gewohnten Zeit das Winter- halbjahr mit einer kurzen Feier zu eröffnen. Die Befürchtung, es könnte der Unterricht unter der Einwirkung des Krieges zerflattern, erwies sich als hinfällig. Wenn auch natur- gemäß die Gedanken der Schüler durch die kriegerischen Ereignisse stark in Anspruch genommen wurden, so gelang es doch, sie soweit zusammenzufassen, daß die Erledigung der Lehraufgaben im wesentlichen keine Not litt. Die Verbindung mit der großen Zeit wurde durch die Besprechung der Kriegsbegebenheiten, durch die Mitteilung von Briefen aus, dem Felde usw. und die Freigabe von solchen Tagen gefunden, an denen entscheidende Wendungen im Kriegsverlaufe bekannt wurden. Und nicht zum wenigsten durch die vorüber- gehende Aufnahme von 10 schlesischen Gymnasiasten, die mit Tausenden gleichalteriger Landsleute bei dem drohenden, aber nicht gelungenen Einfall der Russen aus ihrer Heimat nach dem Westen geflüchtet waren.