— 12—
IV. Zur Geschichte der Anstalt.
1. Der Krieg. Noch immer währt das gewaltige Ringen Deutschlands gegen eine Welt von Feinden und zwingt alle Gedanken in seinen Bann. Da denkt auch der Berichterstatter unwillkürlich zunächst an das, was der Krieg, der uns freventlich aufgedrungene, im ver- flossenen Schuljahre seiner Anstalt an Freud und Leid, an trüben und erhebenden Augen- blicken gebracht hat. Denn wie die Hand des Krieges in das Leben fast einer jeden deutschen Familie hineingegriffen hat, so hat sie sich auch auf unsere Schulgemeinde gelegt.
In der letzten jJuliwoche ließ das heraufziehende dunkle Kriegsgewölk die frohe Ferien- stimmung früherer Jahre nicht aufkommen. Am 1. August, dem letzten Schultage vor unseren sechswöchigen Herbstferien, löste die Bekanntgabe des Mobilmachungsbefehles die bange Spannung und beseitigte den Druck der Ungewißheit.
Bereits am nächsten Tage, einem Sonntage, wurde das Gymnasium in die Unruhe der Mobilmachung hineingezogen. In dem Hauptgebäude und der Turnhalle sollten die 5. und 6. Kompagnie des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 116 eingekleidet und ausgerüstet werden. Die Beobachtung, die sich hier im kleinen machen ließ, wie nichts, auch nicht das Ge- ringste fehlte und wie sich alles in einer geradezu bewundernswerten, musterhaften Ordnung abwickelte, ließ einen Rückschluß auf die Umsicht und gewaltige Arbeit zu, die unsere obere Heeresverwaltung in Friedenszeiten geleistet naben mußte. Man durfte mit Ruhe und Zu- versicht in die Zukunft sehen. Und nun entwickelte sich, nachdem die Reservisten eingerückt waren, in den Räumen des Gymnasiums ein lebhaftes, militärisches Treiben. Schon am 10. August waren die beiden Kompagnien feldmarschmäßig ausgerüstet und konnten an demselben Tage mit ihrem Regimente ins Feld ziehen.
An ihre Stelle trat fast bis zum Schlusse der Ferien ein Wachkommando, dessen Obhut die im Hauptgebäude lagernden Gewehre mit ihrer Munition anvertraut waren. Erfreulicher- weise verließ es das Gebäude so frühzeitig, daß die Räume für den Wiederbeginn des Unterrichtes noch instand gesetzt werden konnten. Während der Unterrichtszeit benutzte dann noch eine Zeitlang eine Kompagnie des Landsturm-Bataillons Gießen l den Schulhof als Exerzierplatz, ohne dadurch indes den Unterricht irgendwie wesentlich zu beeinträchtigen.
So waren denn dieses Mal wenigstens die sechswöchigen Herbstferien, deren Lage und Ausdehnung sonst eine durchaus berechtigte Kritik herausfordert, ein wahrer Segen für unsere Schulgemeinde und haben sie über die erste Zeit der alle Gemüter erfassenden Auf- regung wohltuend hinweggeholfen. Nicht am wenigsten die jüngeren Schüler. Wer Mitglied der jugendwehr war— und das war eine beträchtliche Anzahl— oder des Bibelkränzchens, der verrichtete zu Fuß oder zu Rad für das Militär zeitraubende Botengänge oder half draußen am Bahnhofe dem Roten Kreuze bei der Verpflegung der durchziehenden Truppen. Wer der jugendwehr nicht angehörte, der ging auf das Land und unterstützte die Landwirte bei dem Einbringen der reichlichen Ernte. Die älteren Schüler, denen ihr Lebensalter, ihre körperliche Entwicklung oder die Sorge der Eltern den Eintritt ins Heer verwehrte, suchten wenigstens als Krankenträger oder Helfer bei der Ernte, selbst über die Ferienzeit hinaus, freudig und opferbereit dem Vaterlande in seiner Not zu dienen.
Und nun erst unsere anderen Schüler, die früheren und jetzigen, die voller Begeisterung in die Reihen der Kämpfer eintraten! Wohl mußte in den vorausgegangenen Jahren gar manchen die bange Sorge um die Erhaltung deutscher Art und Sitte beschleichen, wenn er die dem deutschen Wesen fremde Verflachung der Jugend, ihre Freude am Schein, ihre Verweichlichung und ihre Hinneigung zum Sinnengenuß beobachtete. Das hat nun alles


