— 22—
Unſer alter lieber Schulbau in der Burg hat auch einſtweilen gar kein Bedenken, daß etwa ſein letztes Stündlein geſchlagen haben könnte.
Dieſe rein ſachlichen Dinge vermögen aber dem Geiſt der Schaffensfreude, der unſere Anſtalt von jeher beherrſcht hat, keinen Abbruch zu tun, denn wie ſo oft in rauher Schale der köſtlichſte Kern verborgen iſt, ſo haben auch in den unſcheinbaren Räumen unſerer Schule Schätze des Wiſſens ihre Auswirkung gefunden und ſich uns mitgeteilt als ein koſt⸗ bares Gut, deſſen Wert wir erſt im ſpäteren praktiſchen Leben ſo recht erkennen und würdigen lernten.
Daher drängt es uns, auch an dieſer Stelle all' den Angehörigen des Lehrerkolle⸗ giums, die ſich ſo viel Mühe um uns gaben, nochmals unſeren herzlichſten Dank auszu⸗ ſprechen. Nicht zuletzt gedenken wir hierbei unſeres verehrten Herrn Direktors Philipps, der, neben ſeinen vielen ſonſtigen Verdienſten um die Schule, ſtets ein warmherziger Förderer der Frauenſchule geweſen iſt, der uns mit unſerem lieben„Burgwinkel“ eine eigene Zeitung ſchuf und, was wir ihm beſonders anrechnen müſſen, zu unſerer jährlichen Zuſammenkunft die erſte Anregung gegeben hat. Mögen ſie alle, die uns ihren Beiſtand liehen, die uns durch ihr reiches Wiſſen und Können zu lebenstüchtigen Menſchen heran⸗ bildeten, noch lange in ungetrübter Schaffensfreude unſerer Anſtalt erhalten bleiben. Uns aber, die wir hier verſammelt ſind, rufe ich zu:„Laßt uns nicht vergeſſen, was uns die Schule geweſen iſt, laßt uns immer zu ihr halten in Wort und Tat und nie nachlaſſen in der Pflege des Zuſammenhaltes“.
Dann wird uns noch manches Jahr, ſo Gott will, in frohem Beiſammenſein vereint ſehen und, mag uns das Leben draußen bringen, was es will, dieſer eine Tag wird uns immer zeigen, daß wir nicht vergeſſen ſind.
Und, wenn wir dann nach Austauſch all' der lieben Erinnerungen, die uns verknüpfen, wieder in den Alltag zurückkehren, ſo wird das Gedenken dieſer ſchönen Stunden noch lange in uns fortleben, und wir werden daran zehren, bis der nächſte Frauenſchultag uns neu vereint.
Auch einige Gäſte waren zu uns gekommen: unſere liebe Frau Direktor, Frau Real⸗ lehrer Schieferſtein, Frl. Dr. Schopbach, Lehrerin an der deutſchen Schule in Rom, die aber z. Zt. zu Hauſe in Urlaub war, und Frl. Langnes, unter welchem Namen wir ſie doch alle kennen, jetzt Frau Forſtrat Walter in Darmſtadt. Beide durften leider nur kurze Zeit an unſerer Frauenſchule tätig ſein.
Unter heiterem Geplauder, Kaffeetrinken, ſowie geſanglichen und deklamatoriſchen Darbietungen ging der Nachmittag hin. Die„aktiven“ Frauenſchülerinnen hatten es ſich nicht nehmen laſſen, ihrerſeits zur Verſchönerung des Nachmittags beizutragen. Beſonders ſchön klangen die friſchen Lieder des Chores unter der Leitung des Herrn Reallehrer Schiefer⸗ ſtein. Mit einen Höhepunkt bildeten die herrlichen Lieder, die Fräulein Elſe Henkel mit ihrer vollen und klaren Stimme ſo wunderſchön vortrug. Vier fleißige Mädchenhände hatten einen Schubert⸗Marſch eingeübt, und brachten ihn in ſicherer und guter Weiſe zu Gehör. Und wie gern hört doch jeder aus der Wetterau jene heiteren, derben Mundartgedichte, die Frl. Will und Frl. Lucius in ſo echter, urwüchſiger Form vortrugen. Nicht minder gefiel die ſchelmiſch⸗ neckiſche Groteske, die die vier gewandten Tänzerinnen Ria Dowie, Marga Kallweit, Suſi Metzler und Gerda Weidenhaus aufführten. Doch vor allem möchte ich der Worte unſeres Herrn Direktors gedenken, dem ja ſeine Frauenſchule und damit auch ſeine Frauenſchülerinnen ſo ganz beſonders am Herzen liegen, und der ſo gerne in ihrem Kreiſe weilt als ihr Freund und fröhlicher Kamerad.
Doch alles Schöne nimmt einmal ein Ende, auch ſo ein Frauenſchultag. Viele mußten frühzeitig mit dem Zuge weg, und die, die noch bleiben konnten, blieben gerne, zumal ein Tänzchen für junge Mädchen nie unwillkommen iſt, und die Muſik, die dazu einlud, wohl ſelten ihre Wirkung auf das Tanzbein verfehlt. Doch auch tanzen kann man nicht ewig, und darum mußte man auch einmal Abſchied nehmen, um nur die Erinnerung und das Gedenken an er ſo ſchön verlaufenen ſechſten Frauenſchultag noch recht lange in ſich nachklingen zu laſſen.—


