Jahrgang 
1900
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IV. Zur Geschichte der Anstalt.

Das Schuljahr wurde Mittwoch den 12. April v. J. unter trüben Aussichten eröffnet. Die Hoffnung, den Leiter der Anstalt, Direktor Prof. Dr. Goldmann, wieder in seinem Wirkungskreise zu sehen, hatte sich nicht erfüllt. Er war vielmehr genötigt, für ein halbes Jahr Urlaub zu nehmen. Die Worte, mit denen er in der ihm eigenen schlichten Herzlich- keit am 8. April schriftlich von dem Kollegium und der Schule Abschied nahm, seine letzte amtliche Kundgebung, werden unvergessen bleiben:Ich scheide nur mit schwerem Herzen aus der aktiven Thätigkeit aus, weil ich keine Gewissheit habe, ob es mir vergönnt sein wird, noch einmal in dieselbe einzutreten. Der Schule aber in ihrer Gesamtheit wünsche ich für das halbe Jahr meines Urlaubs ein fröhliches Gedeihen. Schon am 22. Mai, am Pfingstmontage, vormittags 10 ¼ Uhr erlöste ihn der Tod von seinen mit Geduld ertragenen Leiden. Die tiefe Trauer des Lehrerkollegiums der Augustinerschule, die er 5 Jahre geleitet hatte, sprach sich in dem Nachruf fühlbar aus. Es wohnte am 24. Mai nachmittags 2 Uhr der Einsegnung der Leiche im Trauerhause bei, und Lehrer und Schüler pegleiteten sie bei der Ueberführung zur Bahn. Am nächsten Tage nahmen das Lehrerkollegium und 23 Schüler der Prima und 1. Realklasse an der Beerdigungsfeier auf dem Darmstädter Friedhof teil und legten Kränze auf das Grab als letzte Liebesgabe. Am 27. Mai fand dann eine Trauerfeier der Schule statt, bei der sämtliche Lehrer und Schüler versammelt waren. Herr Koll. Lampas hielt eine Ansprache in Gebetform, und Choralgesang leitete die ernste Feier ein und schloss sie.

In der Geschichte der Anstalt wird der Name des Verewigten dauernd fortleben. Er war der erste Direktor des neugegründeten vollständigen humanistischen Gymnasiums, das sein Dasein nicht zum kleinsten Teile seiner Umsicht und Thatkraft verdankt. Allezeit war er der treuste Freund und Berater seiner Kollegen und Schüler, zu seinem Amt befähigt durch umfassendes Wissen, reiche pädagogische Begabung und Erfahrung, Unparteilichkeit und edelste Menschlichkeit. Er gehörte zu jenen Naturen, die nach des Dichters Wort nicht nur mit dem wirken, was sie thun, sondern vornehmlich mit dem, was sie sind. Sein An- denken wird im Segen fortleben.

Zu seinem Nachfolger wurde durch Allerhöchstes Dekret mit Wirkung vom 6. August Prof. Dr. Löbell, Lehrer an dem Ludwig-Georgs-Gymnasium zu Darmstadt, berufen und am 11. September durch Herrn Geh. Oberschulrat Nodnagel in der dazu freundlichst zur Verfügung gestellten Turnhalle des Gr. Schullehrerseminars in Gegenwart des Kollegiums, der Schüler und geladener Gäste feierlich in sein Amt eingeführt. Herrn Prof. Karg, der die Direktions- geschäfte bisher geführt hatte, wurde von dem Vertreter der Regierung dabei der gebührende Dank gesagt.

Folgende Veränderungen traten ausserdem im Kollegium ein:

Zur Vertretung des Direktors und des Herrn Prof. Wiesehahn, der von Mai bis September Urlaub zu nehmen genöõtigt war, gehörte von Beginn des Schuljahres bis zum 16. November Lehramtsassessor Reeb unserer Anstalt an.

An die Stelle des nach Offenbach versetzten Herrn Koll. Altendorf trat Herr Dr. Seidenberger, bisher Dirigent der Höheren Bürgerschule zu Dieburg, an Stelle des Herrn. Dr. Schoel Herr Lampas, vorher Pfarrassistent in Bensheim.

Für den nach Heldenbergen versetzten Pfarrer Thoebes übernahm Herr Pfarrer Dr. Praxmarer den katholischen Religionsunterricht.

Allen den von uns geschiedenen Herren sei für ihre Thätigkeit an der Augustinerschule herzlichst gedankt.

Auch eine andere Veränderung ist zu verzeichnen. Kurz vor dem Hinscheiden des Direktors starb am 16. Mai der langjährige Rechner der Anstalt, Herr Melchior, der seit 20. Jahren mit grösster Gewissenhaftigkeit dies Amt verwaltet hatte. Als Zeichen seiner Dank- barkeit legte das der Beerdigung beiwohnende Lehrerkollegium einen Kranz am Grabe nieder. An seine Stelle wurde sein Nachfolger im Stadtrechneramt, Herr Maul aus Darmstadt, zum Rechner der Augustinerschule ernannt und übernahm am 15. Juni die Kasse.