IV./ Zur Geschichte der Anstalt.
Das abgelaufene Schuljahr 1898/99 wurde am Mittwoch den 20. April eröffnet, ohne dass die wichtige Frage des Ausbaus unserer Schule zum Vollgymnasium schon definitiv entschieden gewesen wäre; die I. Kammer hatte noch keine Entscheidung gefällt. Doch konnte mit Bewilligung der Regierung auf Kosten und Verantwortung der Stadt provi- sorisch die Prima errichtet werden; auch wurde bereitwilligst hierzu eine Lehrkraft in dem Lehramtsaccessisten Curschmann zur Verfügung gestellt; sonst blieb die Organisation unverändert. Am 16. Mai endlich fiel in der 1. Kammer nach heftiger Debatte die Ent- scheidung zu unseren Gunsten; somit war der wichtige Schritt geschehen, und Friedberg erhielt eine Einrichtung wieder zurück, die es bis in den Anfang dieses Jahrhunderts gehabt hatte: eine höhere Schule, die bis zur Universität führt. Daneben bleibt die Realschule wie seither in ihrem vollen Umfang bestehen. Am Nachmittag des 16. Mai hielt der Direktor vor versammelter Schule eine Ansprache, worin er die Bedentung der Sache hervorhob unter gebührendem Danke an alle diejenigen, die sich um das Zustande- kommen des Gymnasiums verdient gemacht hatten. Durch Dekret vom 28. Mai wurde der seitherige Direktor zum Gymnasial-Direktor mit Wirkung vom 1. Juni ernannt, und dieser Tag ist als der eigentliche Geburtstag des Gymnasiums anzusehen; von diesem Tage an konnte der Etat für das Gymnasium in Anwendung kommen. Schon zu Pfingsten konnte nun zum Teil die Trennung der Gymnasial- und Realklassen stattfinden, nachdem Herr Professor Dr. Nehmeyer, seither am Neuen Gymnasium in Darmstadt, an unsere Anstalt versetzt worden war. Eine weitere Durchführung der Scheidung aller Klassen in den wichtigsten Unterrichtsfächern konnte erst im Herbst sich vollziehen durch die Ernennung des Herrn Kramer, der seither Dirigent der höheren Bürgerschule in Reichels- heim war, zum Lehrer an unserer Anstalt. Eine Stelle(für einen Neuphilologen) musste leider während des ganzen Schuljahres noch unbesetzt bleiben. Zu erwähnen ist noch in diesem Zusammenhange, dass am 9. Juni eine festliche Veranstaltung im Hötel Trapp stattfand, um den Gefühlen der Freude und des Dankes, die in der ganzen Stadt und im Lehrerkollegium über den Ausbau der Schule empfunden wurden, einen Ausdruck zu geben. Hierzu erwartete man die Herren Excellenz v. Knorr und Geh. Oberschulrat Soldan, von denen leider der erstere durch Unpässlichkeit am Erscheinen verhindert war. Durch den Direktor wurde dem Vertreter der Regierung der herzliche Dank der Stadt und der Anstalt ausgesprochen und die Versicherung abgegeben, dass sich das Lehrerkollegium bemühen werde, der Ehre, die ihm widerfahren, sich würdig zu erweisen. Herr Geh. Oberschulrat Soldan gedachte in warmen Worten der Stadt Friedberg, der man in ihrem Aufblühen durch den vollzogenen Ausbau der Schule habe förderlich sein wollen. Unter noch weiteren Trinksprüchen verlief das Fest in animierter Stimmung, bis der Aufbruch zur Bahn ein vie! zu frühes Ende herbeiführte. Einen gewissen Abschluss fanden die Massregeln, die durch den Ausbau der Schule notwendig geworden waren, in der Verfügung, wonach auf Allerhöchste Entschliessung vom 16. November die Schule von nun an die Benennung Grossherzogliche Augustinerschule(Gymnasium und Realschule) zu führen habe. An die Stadt Friedberg stellte die Schaffung zweier Anstalten: Gymnasium und Realschule grössere Anforderungen; einmal verpflichtete sie sich zur Zahlung eines ständigen städtischen Zuschusses von 10000 M., statt seither 8000 M., und dann hatte sie sich bereit erklärt, einen Neubau für beide Anstalten herzustellen und die Unterhaltung der Schulgebände wie seither zu übernehmen. Dieser Frage musste nun zunächst näher getreten werden. Für die Gewinnung eines rechten Bauplans stiftete ein Friedberger Bürger in hochherziger Weise 3000 M. für Preise, die auf Grund einer Konkurrenz ausgegeben werden sollten. Der Gemeinderat acceptierte die Stiftung und beschloss die Unkosten des Preisausschreibens auf die Stadtkasse zu übernehmen. Nachdem von Herrn Geh. Oberschulrat Soldan und


