Jahrgang 
1894
Einzelbild herunterladen

12

Dem Jugendfest am Sedantage, der, wie gewöhnlich, in die Herbstferien unserer Anstalt fällt, wohnten die in Friedberg anwesenden Lehrer und Schüler, sowie eine Anzahl der letzteren aus den benachbarten Orten bei.

An Grossherzogs Geburtstag fand eine Schulfeier im Zeichensaale der Anstalt statt, bei welcher Reallehrer Karg die Festrede über Landgraf Ludwig I. den Friedfertigen hielt. Gesang eröffnete und schloss die Feier.

An Kaisers Geburtstag wurde der Unterricht ausgesetzt; Tags zuvor hielten die Ordinarien in ihren Klassen der Bedeutung des Tages entsprechende Ansprachen an die Schüler.

7. Das wichtigste Ereignis in dem nunmehr abgelaufenen Schuljahre war die Feier des 350 jährigen Bestehens der Schule als höhere Lehran- stalt, die in den Tagen des 16., 17. und 18. Oktober begangen wurde und einen in jeder Beziehung befriedigenden Verlauf nahm.

Seine Excellenz der Herr Staatsminister Finger, Herr Geh. Staatsrat Dr. Knorr von Rosenroth, Herr Geh. Ober-Schulrat Soldan und Herr Prälat Dr. Habicht ehrten die Schule durch ihre Gegenwart bei diesem Feste; die hiesigen staatlichen und städtischen Behörden, die Lehrerkollegien sämtlicher Friedberger Bildungsanstalten und Deputationen der Lehrerkollegien an den meisten höheren Schulen des Landes, ein grosser Teil der früheren Lehrer und Schüler der Anstalt, die Eltern ihrer jetzigen Zöglinge und fast die gesamte Einwohnerschaft der Stadt, deren Strassen aus diesem Anlass in reichem Festschmuck prangten, nahmen an der Feier den regsten und wärmsten Anteil.

Als Festschrift war eine von dem Direktor Dr. Windhaus verfasste, Seiner Königlichen Hoheit dem Grossherzoge Ernst Ludwig gewidmeteGeschichte der Lateinschule zu Friedberg(Druck von Carl Bindernagel, Friedberg, 1893) erschienen, die an der Hand des noch vorhandenen urkundlichen Materials die mannig- fach wechselnden Geschicke der Anstalt von ihrer Errichtung als Lateinschule im Jahre 1543 bis zu ihrer im Jahre 1850 erfolgten Umwandlung in eine Realschule schildert. An der Herausgabe dieser Schulgeschichte beteiligte sich auch der Historische Verein für das Grossherzogtum Hessen, der gegen Ersatz der Ausgaben für Druck und Papier nebst einem namhaften Beitrag zu den Kosten des Satzes 450 Exemplare des Schriftchens zur Verteilung an seine Mitglieder übernahm.

Die Feier selbst verlief nach folgendem Programm: Montag den 16. Oktober: Empfang der Gäste am Bahnhof.

Nachmittags 4 Uhr: Eröffnungsfeier im Zeichensaale des Gewerbevereins. Nach einleitendem Gesang des Schülerchors Uberreichung einer von Damen Fried- bergs und seiner Nachbargemeinden der Anstalt zu ihrem Jubiläum gestifteten Fahne durch Frau Rentner Gwinner als Sprecherin des Damenkomitees; Rede des Direktors; Gesang des Fahnenlieds(Text von Reallehrer Kost); Ubergabe einer Büste Seiner Königlichen Hoheit des Grossherzogs Ernst Ludwig an die Schule mit kurzer Ansprache des Geschenkgebers Herrn Real- lehrer Opel; Schlussgesang:Heil unserm Fürsten Heil.

Abends 7 Uhr im grossen Saale des Saalbaues: Begrüssung der Gäste durch Herrn Beigeordneten Hieronimus als Stellvertreter des erkrankten Herrn Bürger- meisters Steinhäusser; Musikvortrag; Aufführung des von Reallehrer Kost gedichteten Festspiels:Die Gründung der Lateinschule zu Fried- berg(Druck von C. Damm, Friedberg, 1893) durch Schüler der Anstalt*); gesellige Vereinigung mit Vokal- und Instrumentalvorträgen, Toasten u. dgl.

*) Da, um einer Überfüllung des Saales vorzubeugen, der Verkauf der Festkarten schon mehrere Tage zuvor batte eingestellt werden müssen, fand mit Rücksicht auf die zahlreichen Angehörigen der Schüler, die dieser Aufführung nicht beiwohnen konnten, eine zweite Aufführung des Festspiels am Abend des 19. Oktober statt.