E. Als Beigabe: Antrittsrede des Unterzeichneten bei ſeiner Dienſteinweiſung am 7. Mai 1861.
Hochgeehrte Herrn, werthgeſchätzte Collegen, geliebte Schüler!
Eine ernſte, feierliche Stunde iſt es, die mich heute zum erſtenmal in Ihre Mitte führt. Durch die Gnade Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs be⸗ rufen, die Leitung dieſer Anſtalt zu übernehmen, erkenne ich ebenſo dankbar die Chre, die mir durch dieſen Auftrag zu Theil geworden iſt, als ich die hohe Verantwortlichkeit und heilige Verpflichtung tief empfinde, die mir das neue Amt auferlegt. Ja, wenn ich meine Kräfte meſſe nach den Anſprüchen, welche die neue Stellung an mich macht, und mich vergleiche mit den ehrwürdigen Vorgängern, die bereits an gleicher Stelle ſtanden und von denen der letzte anderthalb Menſchenalter hindurch in hohem Segen hier wirkte, ſo könnte mir bange werden, ob ich auch im Stande ſei, das mir übertragene Erbe würdig fortzuführen.
Gegenüber dieſem Bedenken ſind es nur zwei Erwägungen, die mir den Muth und die Freudigkeit geben, die zur Uebernahme des neuen Amtes erforderlich ſind. Einmal nämlich ſtärkt mich der Gedanke an das zuvorkommende Vertrauen, das mir von den hochachtbaren Vertretern dieſer Stadt dadurch erwieſen worden iſt, daß ſie mich ſofort nach der hier eingetretenen Vacanz einladen ließen, mich um eine Verſetzung hierher zu bewerben. Dieſes ehrende Vertrauen und die mir damit bewieſene freundliche Geſinnung ließen mich hoffen, daß ich am hieſigen Orte auf dieſelbe kräftige Unterſtützung rechnen dürfe, die mir in meinem früheren Wirkungskreis in reichſtem Maße zu Theil geworden war, und waren, da ich darin eine Fügung des Himmels erkennen mußte, der entſcheidende Grund, warum ich trotz aller Bande der Liebe und Freundſchaft, die mich in ferner Gegend zurückhalten wollten, dennoch dem an mich ergangenen Rufe hierher Folge leiſtete. Der andere Gedanke, der mich bei Uebernahme meines neuen Amtes ſtärkt und ermuthigt, iſt der, daß ich auf dem hieſigen Boden doch eigentlich kein Fremdling bin, ſondern wie ein Auswanderer, der nach jahrelangem Weilen in der Fremde, bereichert durch mannigfache Anſchauungen und Erfahrungen, in die alte Heimath zurückkehrt, nach 20jähriger Trennung wieder an die Stätte meiner theuerſten Jugenderinnerungen heimkehre. Geboren und erzogen in einer Nachbarſtadt, wo die Gräber meiner Eltern und Verwandten ſind, und ſpäter drei Jahre lang in geſegneter Jugend⸗ thätigkeit hier wirkſam geweſen, wäre ich ſchon mit den Verhältniſſen der Stadt Friedberg nicht ganz unbekannt, wenn mich auch nicht ſpätere Studien mit den⸗ ſelben tiefer vertraut gemacht hätten.
Ja, ich kenne den Boden, auf dem wir ſtehen; ich weiß es, welche Wichtig⸗ keit und Bedeutung dieſe Stadt ſeit den älteſten Zeiten gehabt hat. Hervor⸗ gegangen wahrſcheinlich aus einer römiſchen Niederlaſſung, Anfangs unter den Schutz der benachbarten Reichsburg geſtellt, ſpäter von verſchiedenen deutſchen Königen


