An unsere Eltern, Freunde und Schüler!
Der Jahresbericht verknüpft im engeren und weiteren Sinn Vergangenheit und Gegenwart und sucht dadurch das Interesse der Eltern, Schüler und Freunde der Schule zu wecken, indem er einmal die alte Tradition der Schule pflegt, sodann aber zeigt, daß die Schule in harmonischer Fortentwicklung sich den modernen Anforderun- gen der neuen Zeit nicht verschließt, sondern ihnen gerecht zu werden sucht.
Daher beginnt der Bericht mit einer Erinnerung an Stephan Franz Anton Molinari, den let-- ten Scholaster des Domstiftes, der unserer Schule vorstand(1798— 1802) in der Zeit, da sie noch ein Teil der Domstiftsschule war. Die höchste Würde des Stifts war die des Probstes, die stets der Kurfürst und Erzbischof von Mainz inne hatte. Zur Zeit Molinaris war dies Friedrich Karl von Erthal(1774—1802), der vorletzte Kurfürst von Mainz. Er betraute Molinari mit der Aufgabe, die Stiftsschule, Frankfurts älteste Schule, den neuen Zeitverhält- nissen anzupassen, und dieser führte diese verantwortungsvolle Aufgabe im Jahre 1783 erfolgreich durch. Die Neu- gestaltung der alten Stiftsschule war ebenso einschneidend wie die heutige Schulreform der Schule des 19. Jahrhun- derts und rechtfertigt es, daß wir unsern ersten seltenen gedruckten Jahresbericht, dessen einzig noch vorhandenes Exemplar in der Stadtbibliothek ist, mit dem Lehrplan veröffentlichen. Waren doch bis bis zum Jahre 1866 unser aus der ehemaligen Stiftsschule hervorgegangenes Progymnasium und das Frankfurter Gymnasium die beiden einzigen höheren Schulen Frankfurts.
Ein Vergleich des Jahresberichtes 1784 und des Jahresberichtes 1927/28 zeigt, wie gewaltig die Aufgaben einer höheren Schule gewachsen sind und wie vielseitig gestaltet heute das Schulleben ist.
Der lebendigen Gegenwart sucht der Jahresbericht dadurch gerecht zu werden, daß er vom frisch pulsie- renden Leben der Schule im vergangenen Schuljahr berichtet.—
Sodann soll er aber auf Grund unserer Arbeiten und unserer Erfahrungen ein Ratgeber in der Erzie- hung sein, das Verständnis des Hauses für die modernen Forderungen der Schule und für unser ehrliches Streben immer mehr wecken und dadurch die gemeinsame Erziehungsarbeit von Schule und Haus möglichst fruchtbar gestalten.
Der Jahresbericht enthält daher eine Fülle von wichtigen Mitteilungen über das Leben und die Arbeit der Schule: Wir bitten um eine sorgfältige Durchsicht und Beachtung derselben.
Für eine Schule gibt es in der unterrichtlichen und erzieherischen Arbeit keine wichtigen und unwichtigen Stunden, sondern alle Unterrichtsstunden und Veranstaltungen, gleichviel welcher Art, sind wichtig und ihr Besuch verpflichtend: nur durch eine gleichmäßige Ausbildung von Körper und Geist legen wir die Grundlagen für die Bildung eines festen, zielbewußten Charakters des jungen Menschen.
Die wichtigsten amtlichen Erlasse des vergangenen Schuljahres finden die Eltern nicht nur inhaltlich angedeutet, sondern in ihren wichtigsten Ausführungen, um das Verständnis der Eltern für die verantwortungsvolle Arbeit der Schulbehörden zu wecken.
Wir Lehrer wiederholen dringend unsere all jährliche Bitte um recht häufigen Besuch der Eltern, der sich aber über das ganze Schuljahr verteilen muß. Besuche kurz vor Erteilung der Zeugnisse sind zweck- los, da dann doch nichts mehr zu ändern ist. Besuche während der Pausen sind zu vermeiden, da die Pausen zu kur⸗z für eine Aussprache sind und wir während derselben meist dienstlich beschäftigt sind.
Bei der Schwierigkeit der Berufswahl in unserer schweren Zeit habe ich es für gut gehalten, die vom Herrn Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung gegebene Zusammenstellun g der Berechtigungen der preu- Bischen höheren Lehranstalten dem Jahresbericht vollständig beizufügen.:
Das Streben der Schule muß aber getragen werden von dem vollen Vertrauen der Elternschaft in die ebenso müh- same wie gewissenhafte und planmäßige Arbeit der Schule. Daher sollen hier noch einige besondere Wünsche an die Eltern zum Ausdruck kommen:
1. Wiederholt ist es vorgekommen, daß Eltern ihre Söhne vor Beendigung der Untersekunda auf eine Schule mit gleicher Zielsetzung umschulten. Wir legen den größten Wert darauf, die uns anvertrautenschü- ler auch zur Reife für Obersekunda zu bri ngen. Bei gleichen Lehrplänen ist der Uebergang von Untersekunda auf die Oberstufe einer entsprechenden Schule ohne Schwierigkeiten zu vollziehen.
2. Wiederholt sind ferner Schüler auf die Oberstufe anderer Schulen übergegangen, obwohl wir ihnen auf Grund unserer langjährigen Kenntnis ihrer Anlagen und Talente den wohlgemeinten Rat gegeben haben, in das praktische Leben überzutreten. In diesen Fällen können wir natürlich keine Verantwortung für das Fort- kommen auf der Oberstufe übernehmen.
3. Wenn Eltern im Zweifel sind über Maßnahmen der Schule, so entspricht es dem Vertrauen das zwischen Schule und Haus bestehen muß, wenn sie sich bei dem Direktor d er Schule Rat holen. Sie werden stets ernste und gewissenhafte Prüfung und Aufklärung finden.
Frankfurt a. M., den 1. Mai 1928 Dr. Karl Breuer, Studiendirektor.


