Jahrgang 
1913
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Junge Mädchen, die vor Vollendung des ganzen Lehrgangs unsre Schule verlassen, sehen wir mit doppeltem Bedauern scheiden, da wir sie mit einer nach ihren Bestandteilen unvollständigen, nach ihrer Tiefe ungenügenden und nach ihrer Brauchbarkeit unzweck- mäßigen Halbbildung ins Leben treten sehen.

4. Verkehr zwischen Elternhaus und Schule.

Die Schule darf wohl dessen sicher sein, daß die Eltern die Entwicklung und die Fortschritte ihrer Töchter sorglich im Auge haben und also auch ihr Schulleben und ihre Schulleistungen mit liebevoller Aufmerksamkeit verfolgen. Daher rechnen wir darauf und bitten darum, daß sie sich auch ohne besondre Aufforderung regelmäßig vom Ausfall der schriftlichen Arbeiten überzeugen, die wenn sie an Wichtigkeit der lebendigen mündlichen Leistung auch naturgemäß erheblich nachstehen vielfach einen brauchbaren Anhaltspunkt für die Kenntnisse und Fortschritte der Schülerinnen geben. Darüber hinaus bedeutet es aber für unsre Arbeit an den Schülerinnen eine wesentliche Unterstützung, wenn sich die Eltern nicht erst auf Klagen der Unterrichtenden oder auf Nachlassen der Leistungen hin mit der Schule in Verbindung setzen, denn durch regelmäßigen vertrauensvollen Meinungsaustausch lassen sich oft genug die Ursachen für ein Zurückgehen in den Kenntnissen, für eine Lässigkeit in Arbeit oder Betragen aus der Welt schaffen, ehe ihre Folgen schärfer zum Ausdruck kommen.

Unsre Arbeit an den Schülerinnen hat ja nicht nur die Ubermittlung von Kennt- nissen zum Ziel, sondern richtet sich ebenso darauf, die Kinder an Ordnung, Pflichttreue und bewußtes und darum freies Einfügen in ein größeres Ganzes zu gewöhnen, an Eigen- schaften also, ohne die auch im spätern Leben eine innere Befriedigung und ein freudiges Schaffen im eignen Kreise nicht möglich ist.

Gern und dankbar erkennen wir es an, daß wir in dieser unsrer Arbeit so vielfach die tatkräftige Unterstützung der Eltern gefunden haben, aber auf diese Unterstützung sind wir auch angewiesen, soll unsre Arbeit, die doch nur ein Dienst an den Kindern ist und diesen dauernd und fürs ganze Leben Förderung und Segen bringen will, von Erfolg begleitet sein.

Indem wir das ausdrücklich betonen, hoffen wir, daß auch weiterhin im Elternhaus unsrer Schülerinnen das alteingewurzelte Vorurteil immer mehr schwinde, als ob uns durch Besprechungen mit den Eltern eine lästige Mehrarbeit erwüchse; im Gegenteil, ein einziger Elternbesuch kann der Schule oft viel Verdruß und grade die Arbeit ersparen, die uns die unangenehmste ist. Immer aber kommt es den Schülerinnen zugute, wenn durch solche Unterredungen festgestellt wird, inwieweit Elternhaus und Schule in ihrer Beurteilung über- einstimmen, und nach welcher Richtung das Urteil noch der Nachprüfung bedarf.

Bei allen Anfragen oder Mitteilungen über Schülerinnen empfiehlt és sich als das zweckmäßigste, sich zunächst an die Klassenführung zu wenden, die über Verhalten, Leistungen und Aussichten am genauesten unterrichtet ist, weil sie zumeist die Hauptfächer selbst in Händen hat, und weil sie den Sammelpunkt für die sonstigen Wahrnehmungen und Beurteilungen bildet. Selbstverständlich sind aber auch die Fachlehrer ebenso wie der Direktor zu Rat und Besprechung immer bereit.

Um einen Verkehr mit dem Elternhause zu erleichtern, haben alle Mitglieder des Lehrkörpers eine feste Sprechstunde in der Schule, in der sie nach vorheriger Anmeldung