Jahrgang 
1909
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An die Eltern unsrer Schüllerinnen

richten wir auch am Schlusse dieses Schuljahrs zunächst ein Wort des Dankes für das Ver- trauen, das uns so vielfach entgegengebracht ist. Denn wenn die Eltern uns ja auch schon dadurch, daß sie uns ihr höchstes Gut, ihre Kinder, zur Miterziehung und zur Weiterbildung übergeben, von vornherein ihr vollstes Vertrauen zeigen, so haben sie uns dessen noch außerdem durch so manche Rücksprache, Anfrage und Auskunft immer aufs neue versichert.

Wir werden uns wie bisher so auch weiterhin in redlicher Arbeit und treuer Für- sorge bemühen, dies Vertrauen zu erhalten und zu befestigen, sind uns aber bewußt, daß uns eine wirklich fruchtbringende Lösung unsrer Aufgaben nur möglich ist, wenn das Elternhaus unsrer Bitte entgegenkommt, in möxglichst enge und dauernde Fühlung mit der Schule zu treten.

Wir dürfen ja bei den Kreisen, aus denen unsre Schülerinnen hervorgehen, dessen sicher sein, daß die Eltern die Entwicklung und die Fortschritte ihrer Töchter sorglich im Auge haben und also auch ihr Schulleben und ihre Schulleistungen mit liebevoller Auf- merksamkeit verfolgen. Daher rechnen wir darauf und bitten darum, daß sie sich auch ohne besondre Aufforderung regelmäßig vom Ausfall der schriftlichen Arbeiten überzeugen,

die wenn sie an Wichtigkeit der lebendigen mündlichen Leistung auch naturgemäß nachstehen meist einen brauchbaren Anhaltspunkt für die Kenntnisse und Fortschritte

der Schülerinnen geben. Darüber hinaus bedeutet es aber für unsre Arbeit an den Schülerinnen eine wesentliche Unterstützung, wenn sich die Eltern nicht erst auf Klagen der Unterrichtenden oder auf Nachlassen der Leistungen hin mit der Schule in Verbindung setzen, denn durch regelmäßigen vertrauensvollen Meinungsaustausch lassen sich oft genug die Ursachen für ein Zurückgehen in den Kenntnissen, für eine Lässigkeit in Arbeit oder Betragen aus der Welt schaffen, ehe ihre Folgen schärfer zum Ausdruck kommen.

Unsre Arbeit an den Schülerinnen hat ja nicht nur die Ubermittlung von Kennt- nissen zum Ziel, sondern richtet sich ebenso darauf, die Kinder an Ordnung, Pflichttreue und bewußtes und darum freies Einfügen in ein größeres Ganzes zu gewöhnen, an Eigen- schaften also, ohne die auch im spätern Leben eine innere Befriedigung und ein freudiges Schaffen im eignen Kreise nicht möglich ist.

Gern und dankbar erkennen wir es an, daß wir in dieser unsrer Arbeit so vielfach die tatkräftige Unterstützung der Eltern gefunden haben, aber auf diese Unterstützung sind wir auch angewiesen, soll unsre Arbeit, die doch nur ein Dienst an den Kindern ist und diesen dauernd und fürs ganze Leben Förderung und Segen bringen will, von Erfolg begleitet sein.