Jahrgang 
1895
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geführt, Eine meiner frühesten Erinnerungen knüpft sich an das eiserne Kreuz, das sich mein Vater schon als reiferer junger Mann in den Jahren 1813 bis 1815 als freiwilliger Lützower Jäger erworben hatte. Die jetzige Generation weiß gar nicht, welche Fülle von Sehnsucht und Hoffnungen sich damals an dieses Zeichen einer ruhm- und ehrenvollen Zeit knüpfte, und was sie jetzt an großen nationalen Gütern jener Zeit gegenüber besitzt. Aber aus diesem Besitz erwachsen für sie auch erhöhte Pflichten. Doch ich darf mich nicht in so entlegene Zeiten vertiefen. Aber, indem ich heute aus meiner hiesigen Stellung scheide, die ich länger innegehabt, als irgend einer der Direktoren der Musterschule vor mir, ist es natürlich, daß ich meines Eintritts in diese Stellung gedenke. Ich gestehe: als zuerst von hier aus nach dem kleinen märkischen Städtchen Wittstock, dessen Realschule I. Ordnung ich leitete, der Ruf an mich erging, kannte ich die Musterschule nicht, ja, ich wußte mir keine rechte Vorstellung von derselben zu machen. Als mich aber die Einladungsschrift meines feinsinnigen Vorgängers, des Herrn Direktor Dr. Kühner, vom Jahre 1865 darüber belehrt hatte, was für eine hochansehnliche Anstalt sie sei, und wie sie hervorgegangen aus der gemeinnützigen Begeisterung und Opferwilligkeit tüchtigster und angesehenster Bürger Frankfurts, da war ich freudig entschlossen, dem Rufe zu folgen. Die Schwierigkeiten, namentlich politischer Natur verkannte ich keineswegs, aber es lag in ihnen ein gewisser Reiz für mich. Als ich dann den engeren Vorstand der Schule kennen lernte, meinen teuren verstorbenen Freund Herrn Dr. jur. Schlemmer, den Inspektor derselben, die Herren Dr. med. Spieß, Dr. jur. Fester, Alexander Scharff, Hermann Nestle, von denen leider nur noch der Geheime Kommerzienrat Herr Scharff am Leben ist, als sie mich in vertraulichster Weise ohne jeden bureau- kratischen Anflug empfingen, verständigten wir uns leicht über wichtige Grundfragen, und jeder Zweifel schwand bei mir, wenn noch einer vorhanden war. Ich werde jene Männer nie vergessen, so lange ich lebe. Aber auch der später eingetretenen Herren Gustav Günther und Stern-John, die leider auch schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen, gedenke ich in Dankbarkeit. Für meine Stellung war es bezeichnend, daß mein Bestallungsdekret noch ausgestellt ist von dem Senat der freien Stadt Frankfurt a. M., daß aber das Wort frei durchstrichen ist. Da man sich nun viel- fach die Vorstellung gebildet hatte, ich sei von Kopf bis zu Fuß schwarz-weiß gefärbt, entstanden manche Schwierigkeiten und erfuhr ich manche Angriffe. Uberdies brachte es auch die Entwickelung der Schule mit sich, daß manche Hoffnungen und Wünsche damaliger Lehrer nicht erfüllt werden konnten. Hauptsächliche Träger des Mißtrauens waren die Frauen, die ja gewohnt sind, die Dinge mehr mit dem Gemüt, als mit kühl erwägendem Verstande aufzunehmen; von dort ging manche Gegenbewegung aus, deren Einfluß sich manchmal selbst in den Gefühlsäußerungen kleinerer Mädchen zeigte. Dennoch bin ich dankbar, daß mir auch die Leitung der Mädchenschule und Unterricht an der- selben zufiel. Ich hatte schon als junger Mann vielfach erwachsene junge Mädchen unterrichtet und hatte viel Freude an dem Unterricht derselben gehabt. Die hatte ich nun auch hier in ausgedehntem Maße, und ich glaube, daß es mir bald gelang, das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen; auch gab mir der häufige Verkehr mit den Müttern Gelegenheit, manches NVorurteil zu zerstreuen. Man sah wohl allmählich ein, daß ich keineswegs die Pietät gegen die Vaterstadt bei der mir anvertrauten Jugend zu untergraben suchte. Als ich mich entschließen mußte, die Direktion der Mädchenschule aufzugeben, zeigte sich die Anhänglichkeit und Dankbarkeit bei Müttern und Töchtern in vollem Maße; auch äußere glänzende Zeichen derselben werden noch in meinem Hause aufbewahrt.

Heute nun aus der ganzen hiesigen und überhaupt aus der Schulthätigkeit scheiden zu müssen, erfüllt mich mit Wehmut; aber ich möchte nicht zur physischen Invalidität zu meinem und der Schule Schaden auch die geistige Invalidität hinzutreten lassen. Auch ist ja schon eine frische, jugend- liche und doch schon wohlbewährte Kraft gewonnen, der man mit vollem Vertrauen die Leitung der Anstalt übertragen konnte.

Besonders aber erfüllt mich heute Dankbarkeit. Wenn ich mich umschaue in dem prächtig ge- schmückten Saale und Schulhause, darf ich wohl die Liebe der Schüler und die Achtung der Eltern erkennen; und es ist mir jetzt wieder so vielfach Grund zum Dank gegeben den Schülern, Eltern, Amtsgenossen im engeren und weiteren Sinne gegenüber, zum Dank gegen die städtischen und Staats- behörden und an oberster Stelle gegen Se. Majestät den König und Kaiser.

Ich scheide reich an idealen Gütern, die ich hier erworben habe. Ich will nun nicht, indem ich von Euch Abschied nehme, liebe junge Freunde, die Mahnungen wiederholen, die ich sonst von dieser Stelle an Euch richtete, zur Gottesfurcht als der Weisheit Anfang, zur Vaterlandsliebe, zu Fleiß und Ausdauer; aber zwei Tugenden will ich Euch noch besonders ans Herz legen: die Wahrhaftigkeit und die Selbstbeherrschung. Nicht nur anderen, sondern sich selbst ist man die Wahrheit schuldig: die Lüge ist eine Verfälschung des eigenen Wesens. Wer sich nicht selbst beherrscht, wird dadurch auch anderen gegenüber oft ohnmächtig, ja lächerlich. Wer andere beherrschen will, der muß vor allem sich selbst beherrschen. Das sage ich auch zu Nutz und Frommen aller jüngeren Kollegen.

Aber noch einmal zum Schlusse fasse ich alles, was mich jetzt bewegt, in Dank zusammen, in Dank gegen Gott, gegen Euch, liebe Schüler, gegen die Eltern, die Behörden, gegen Sie, meine lieben und geehrten Amtsgenossen. Möge Gott die Schule auch fernerhin behüten und unter Ihrer Thätig- keit gedeihen lassen!

Zum Schlusse dieser alle Herzen tief ergreifenden Abschiedsfeier sang der Gesangchor: Danket dem Schöpfer, groß ist seine Liebe von Flemming.