Jahrgang 
1928
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orchester, das unter der straffen und verständnisvollen Leitung seines Kapellmeisters(W. Bender) auf einer beachtenswerten Höhe stand und die Werke der Rokokokomponisten mit überraschendem Einfühlen und feiner Nuancierung zum Vortrag brachte. Besonderer Erwähnung verdient das Trio von Haydn, das von W. Bender, Hlans Börner und Georg Sad eindrudksvoll gespielt wurde. Papa- geno(H. Flaskamp) sang seine berühmten Nrien aus derZauberflöte. Der Abend schloß mit der Kindersymphonie von Haydn, eine Darbietung, die, gespielt von dem unermüdlichen Schülerorchester, wahre Beifallsstürme hervorrief. Der weitere war dem Tanz, ohne den es nun einmal bei der Jugend nicht geht, und einigen lustigen Darbietungen gewidmet. Die Schülerinnen der Hum- boldtschule und die Schüler der Liebig-Oberrealschule können mit diesem Abend wohl zufrieden, die Eltern und Lehrer mit Recht stolz sein auf ihre Kinder und Zöglinge, die solche Leistungen vollbrachten und die von verständnisvoller Erziehungsarbeit der Eltern und Lehrer beredtes Zeug- nis ablegten.

c) Am 30. März 1928:LAvare(Der Geizige) von Molière. Spielleitung: Dr. Lücker, An- sager: Alfons Wiesner. Personen: Harpagon(VNater von Cléante und Elise, Liebhaber der Mariane)- Herbert Frede UIb. Cléante(Sohn Harpagons, Erwählter der Mariane)-Alfons Wiesner UIb. Elise(Tochter Harpagons, Erwählte des Valère)- Lilo von Schnitzler(Viktoria- schule). Valère(Sohn Anselmes, Erwählter Elisens)- Wilhelm Bender UIb. Mariane(Erwählte Cléantes, von Harpagon umworben)-Isolde Corte(Viktoriaschule). Rnselme(Vater von Valère und Mariane-H. Sad UIb, Frosine. Heiratsvermittlerin- Mimi Bernays(Viktoriaschule). Maitre Simon, Makler-Heinz Sack Ib. Maftre Jacques, Koch-Kutscher-Erich Otremba UIlb. La Flèche Diener Cléantes)-Kurt Debus UIb. Brind'avoine u. La Merluche, Lakaien Harpagons-Fritz Heinedke u. Fritz Rösser UIb. Le Commissaire, Polizeikommissar-Ew.Röhre UIb. Das Stüd spielt in Paris, im Jahre 1660.

Frankfurter Nachrichten vom 5. April 1928:Französisches Theater in Frankfurt. Wissen Sie schon, daß man Molieère in der Ursprache aufgeführt sehen kann, ohne sich nach Paris zu bemühen? Wissen Sie schon, daß dieser Theatergenuß sogar in Frankfurt erreichbar ist? Wissen Sie schon, daß die Liebig-Oberrealschule in Bockenheim Schauspieltalente besitzt, um die sie eine Comédie Française beneiden müßte? Trösten Sie sich: Diejenigen, die sich trotz sintflutartigen Regenwetters nicht abhalten ließen, die entlegene Konkurrenzstätte Weicherts aufzusuchen, wußten dies auch nicht. Aber jetzt wissen sie, daß deutsche Unterprimaner(sprich: Primaner) denLvare(den Geizigen) sprechen und spielen kõnnen, daß man glauben möchte, sie hätten die Langue frangçaise mit der Muttermilch eingesogen. Aber das Personenverzeichnis wies nur deutsche Namen auf. Also? Also weiß man, daß die Schulen außer dem Körper auch noch etwas anderes pflegen. Warum sollen die jungen Leute nicht einmal das Klassenzimmer oder das Stadion mit dem Thespiskarren vertauschen? Daß die Liebig- Oberrealschule offiziell Theater spielen läßt, beweist ihr Verständnis für die Spielfreude und den Verkleidungstrieb Jugendlicher. Der Gedanke, Molière in der Ursprache vorzuführen, verdient be- sondere Anerkennung, wird doch auf diese Weise Bildung mit Kultur im Sinne einer völkerver- bindenden Gemeinschaftsidee befruchtet. Auch vermag das gepflegte Laienspiel heute oftmals stärkere Eindrüdke zu vermitteln als die Schaubühne mit zünftigen Spielern. Die Primitivität elementarer Gefühlsäußerungen erscheint reizvoller und intensiver als das gegen hohen Eintrittspreis erkaufte wohlabgemessene Quantum menschlichen Seelenlebens, das der Schauspieler beruflich alltäglich ab⸗ zugeben verpflichtet ist. Die Jugend braucht nicht zu rationieren, sie darf verschwenden.

Eine von Dr. Lücker sprachlich und darstellerisch vortrefflich eingeübte Spielerschar, die auch durch einige der Viktoriaschule entliehene Damen verstärkt und verschönt war, bot eine künstlerisch ge- schlossene Xufführung. Es war ein feiner Commedia del Arte⸗Einfall, nach einer mozartischen In- troduktion durch einen Ansager sämtliche Personen dem Publikum erst vorzustellen und deren Cha- rakter in modernem Plauderton kurz skizzieren zu lassen. Sehr zweckmähßig erschien auch die Ge- pflogenheit, vor jedem Akt die Inhaltsangabe in deutfscher Sprache kurz zu umreißen. Adolf Wiesner traf den burschikos-weltmännischen Conférenceton ganz ausgezeichnet. Es bereitete Freude und Genuß, treffliches Französisch so gewandt sprechen zu hören Den Harpagon verkörperte Herbert Frede mit Liner für einen Jugendlichen erstaunlichen Einfühlung in den Charakter eines schrulligen alten Geizhalses. Adolf Wiesner, der sich sicher auf der Bühne zu bewegen weiß, gab dem dümm- lich⸗eitlen Cléante einen näselnden Ton und Gent-Manieren. Wilhelm Bender(Valère): ein sehr gev andter Sprecher, der seine Heuchlerrolle geschickt durchführte. Nuch die Damen waren ihren Aufgaben gewachsen. Das Französisch floß ihnen wie selbstverständlich von den Lippen. Elise wurde von Lilo von Schnitzler anmutsvoll gestaltet. Isolde Corte gab die von Vater und Sohn umworlene Mariane bescheiden und vornehm, Mimi Bernays eine Kollegin von Margarete Born⸗ stein in bestechender Echtheit. Die anderen Mitwirkenden zeichneten sich nicht minder aus. Sie mögen sich mit einem Gesamtlob begnügen. Der Beifall war stark und herzlich.

i) Schulgeld und Unterstützungsmittel.

Schulgeld, Freistellen. Das Schulgeld betrug jährlich 180. M. für Einheimische, 225. M. für Xuswärtige, für Xus- länder 360. M. 118 Schüler hatten ganze Freistellen und 5 Schüler halbe Freistellen. Alle Schüler, die Freistellen haben, können auch freie Lehrmittel(Bücher und Hefte) erhalten. 8 Schüler erhielten Erziehungs- beihilfen.