Jahrgang 
1915
Einzelbild herunterladen

Die Schule im Winterhalb- jahr.

12

Wir hoffen, die Feldpost wie die Speisung durchhalten zu können bis zum Ende des Krieges. Unser herzlichster Dank gilt allen, die uns so weit geholfen haben, und unsere dringende Bitte geht an diese wie andere, die noch helfen können und wollen, unser zu gedenken und uns weiter beizustehen.

Während wir so vielfach bemüht waren zu helfen, wo es not tat und uns möglich war, wodurch wir zugleich das Gefühl des Ernstes der Lage und unserer Verantwort- lichkeit, sowie des Dankes, den wir unseren Kriegern schulden, bei uns zu stärken und zu vertiefen suchten, gelang es uns im Winterhalbjahr eine geregelte Unterrichtstätigkeit wieder zu schaffen. Hierbei unterstützten uns(wie schon vorher) Herr Oberlehrer Jung von der städt. Gewerbeschule und Herr Religionslehrer Höchster; ferner Herr Dr. Girgensohn, der uns in früheren Jahren wiederholt ausgeholfen hatte. Neben Herrn Dr. Keul, der sein Seminarjahr an dem Wöhler-Realgumnasium ableistet, aber bei uns mit 20 Stunden wöchentlich beschäftigt werden durfte, wurde uns Herr Probe- kandidat Dr. Falkenstein zu voller Täligkeit überwiesen. Herr wissensch. Hilfslehrer Ernst, der uns ebenfalls zugeteilt wurde, gab hier nur 4 Stunden, während er 20 Stun- den wöchentlich an der Humboldtschule übernahm. Ferner wurde Herr stud. phil. Stark, der die Turnlehrerprüfung bestanden hat, mit einer Anzahl Stunden betraut. Die Klassen Sexta a u. b und Ouinta a u. b wurden ganz vereinigt; ebenso fanden einige weitere Kombinationen statt. Es fielen weg: 1 Religionsstunde in Sexta, sämtliche Stunden in Schreiben und Handarbeit, je eine Turnstunde in allen Realklassen, je eine Gesangstunde in VI, V und beim Chor.

Es war nicht leicht die Schüler zu ernster und stetiger Arbeit anzuhalten. Die Auf- regungen und Wechselfälle des Krieges, der in irgend einer Form doch wohl alle Fami- lien unserer Schüler auch unmittelbar berührte, die Freude über unsere Erfolge und Siege, die Sorge und der Kummer, z. B. um unsere Landsleute in Ostpreußen und im Ober- elsaß, die so Schweres zu erdulden hatten; alles, was auf Alt und Jung einstürmte, machte es ungeheuer schwer, wie sonst zu unterrichten. Zumal im Anfang schien es fast un- möglich den Unterricht im Franzöõsischen und Englischen überhaupt weiter zu geben, und man änderte Stoff und Verfahren nach Bedarf und Gefühl. Ebenso drängte die ge- änderte Umwelt zu Anderungen in den anderen Fächern, in Deutsch, Geschichte, Erd- kunde, Zeichnen usw. Wir feierten Siege, Gedächtnistage, Geburtstage. Zum Geburtstag Sr. Majestät kam Herr Kollege Semiller trotz seiner Verwundung, um uns über seine Erlebnisse im Felde zu berichten. Schon vorher hatte uns Herr Leutn. d. R. Bra- sching, der bei uns sein Probejahr abgeleistet hatte, erzählt, wie er mit seiner Truppe im Oberelsaß im Kampf gestanden hatte ſer ist mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden). Wir hatten die Freude die Herren Kollegen Baumann, Franz und Perdisch während ihrer kurzen Urlaubstage bei uns zu begrüßen. Herr Oberlehrer Dr. Bartenstein, der früher als Kandidat bei uns gewirkt hafte, besuchte uns ebenfalls auf, Erholungsurlaub, und so sehr es uns freute ihn frisch und fröhlich in unserer Mitte zu sehen, so schwer traf uns dann die Kunde, daß er am 27. Februar den Heldentod fürs Vaterland gestorben war(unmittebar vorher noch mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet). Alte Schüler kamen aus dem Felde, verwundet, krank, erholten sich und gingen wieder hinaus. Wir begrüßten sie herzlich, wir luden sie zu unsern Feiern und Veranstaltungen, wir suchten ihnen auch hier zu beweisen, wie teuer sie uns sind, und welches Gefühl des Dankes für sie unsere Herzen erfüllt. Es war nicht immer leicht die Fassung zu bewahren, wenn man sie wiedersah, so manchen bleich und matt von den Folgen erlittener Wunden und ausge- standener Strapazen, erfüllt von all dem Ernst und der Wucht des Riesenkampfes; doch manchen auch frisch und unbekümmert, voll fröhlichen Tatendranges; alle aber, alle er- füllt von dem Geiste, der uns den Sieg verbürgt: Durch!

So gab es ganz andere Tage und Stunden als in Friedenszeiten. Des Morgens früh gleich nach Schulanfang sah man nach, was auf der Tafel über die Kriegsereignisse verzeichnet war, wer von unseren Freunden draußen geschrieben hatte, was sonst Be- merkenswertes da stand. In den Pausen und mitunter oft genug auch in den Stunden wangderten die Gedanken hinaus, wo Väter, Brüder, Freunde, Nameroden im Kampfe standen; in den Klassen wurden Ansichtskarten, Bilder usw. ausgestellt, die aus dem Felde geschickt worden waren; Briefe und Karten wurden verlesen und im Unterrichts-