Jahrgang 
1915
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Kandidat Herr Ernst kam für unsere Anstalt wegen Ubernahme des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts an der Selektenschule nicht in Betracht. Wenn auch der Unterricht Kürzungen erfahren hat, so hat er doch im wesentlichen durch die Mehrarbeit der Herren Kollegen und durch die Zusammenlegung aufrecht erhalten werden können, allerdings wird der Erfolg wegen des ständigen Wechsels der Lehrer kaum derselbe sein wie in früheren Jahren. Wie sich die Verhältnisse gestalten, wenn der ungediente Landsturm über 30 Jahre einberufen wird, läßt sich zur Zeit noch nicht überblicken.

Außer diesen Störungen entstanden unmittelbar nach Ausbruch des Krieges noch dadurch Schwierigkeiten, daß unsere Schüler, die sich in jugendlicher Begeisterung zu betätigen suchten, für die mannigfachsten Hilfsleistungen herangezogen wurden. Die Schüler der oberen und mittleren Klassen halfen bei den Erntearbeiten und bei dem städtischen Gemüsebau. Sie beteiligten sich an der Erfrischung der durch- fahrenden Truppen, sie arbeiteten auf dem Polizeipräsidium, halfen bei dem Umzuge des Rhein-Mainischen Verbands für Volksbildung und wurden für Botengänge benutæt. Erst Mitte September kam eine größere Ruhe in den Schulbetrieb, da im Interesse der Jugend Schüler nur in dringendsten Fällen für Zwecke, zu denen andere Arbeits- kräfte nicht zur Verfügung standen, beurlaubt wurden. So machten sich noch einige erwachsene Schüler bei dem Empfang der aus dem Ausland kommenden flüchtigen Deutschen während des Wintersemesters nützlich. Bei der zwecks Brotverteilung am 4. März vorgenommenen Personalstandsaufnahme in Frankfurt, wirkten 39 Schüler als Zähler unter Leitung einiger Herren Kollegen mit großem Eifer und Erfolg, ebenso bei der Aufnahme der Kartoffelbestände.

Die Schule war auch ihrerseits bemüht, der Jugend den Ernst und die Größe der Zeit zu Herz und Gemüt zu führen. Der glorreichen Waffentaten unserer tapferen Truppen wurde wiederholt gedacht. Am 29. August wurde der Sieg bei Tannenberg verkündet, am 2. September in der fünften Stunde an den Sedantag erinnert, am 3. September feierten wir den Sifeg über 10 französische Armeekorps bei Verdun, am 17. November den Sieg über die Russen bei Lipno und Kutno, am 18. Dezember den Sieg in Polen, am 13. und 17. Februar die Schlachten an den masurischen Seen und die Befreiung Ostpreußens. Der Unterricht fiel nach diesen Feiern, die gewöhnlich in der fünften Stunde stattfanden, aus. Auf Anregung des Kollegiums wurden nach Weih- nachten alle 2 bis 3 Wochen Zusammenkünfte der Schulgemeinde in der Aula ver- anstaltet, in denen die Ereignisse des Krieges im Zusammenhange geschildert wurden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch Briefe und Karten von im Felde stehenden Kollegen und früheren Schülern verlesen. Auch die regelmäßigen Versammlungen vor und nach den Ferien wurden in den Dienst der großen Zeit gestellt. Besonders ein- drucksvoll gestaltete sich die Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers am 27. Januar. Herr Professor Dr. Lincke hielt die Festrede über Englands Rolle in der Vorgeschichte des Krieges. Der Schüler Zeising IIia trug vorGebet ans Volk von Dehmel, Jöckel IIliaWem! von Warnke, Hess VbLied gegen England von Eulenberg, Stipp IIIib,Der heilige Reiter von Binding, Keuchel leb Emden. Eingeleitet wurde die Feier mit dem von unserm Herrn Weber komponierten