Jahrgang 
1910
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das Ministerium, der Eigenheit unsrer Schule dasselbe verständnisvolle und wohlwollende Entgegenkommen beweisen werde, das wir bisher immer gefunden, und so entschlossen wir uns ungern zwar, aber den gewichtigen Gründen nachgebend in Anbetracht des einen obligatorischen Schuljahres mehr, auf das wir bei den meisten Schülerinnen doch rechnen können, in allen Klassen statt 6 nur 5 Stunden Religion(Hebräisch) anzu- setzen. Es fordert das allerdings ein intensiveres Arbeiten von uns, aber wir sind über- zeugt, dass es keiner von uns an sich fehlen lassen wird, und dass wir dann schliesslich auch dieselben guten Resultate erzielen werden, auf die wir früher mit Befriedigung blicken konnten.

An Stelle der Selekta wird von Ostern d. J. an eine, den neuen Plänen entspre- chendeFrauenschule, zunächst mit einjährigem Kursus, treten. Die pekuniären Opfer, die diese Einrichtung von der Gemeinde fordert, sind durchaus nicht gering anzuschlagen, und es zeugt von einer dankenswerten Einsicht in die Wichtigkeit einer Institution zur Fortbildung unsrer jungen Mädchen, dass diese Opfer gebracht werden sollen. Wir versprechen uns in der Tat viel von dieser Klasse, wie wir uns von der Selekta viel versprochen hatten, denn die freiere Art des Unterrichts, der hier herrschen wird, gestattet erst eine herzliche Hingabe an die Materien, für die bei den einzelnen Schü- lerinnen besondere Neigung und besondere Anlage vorhanden ist. Unter dem an sich gewiss segensreichen Zwange der eigentlichen Schuljahre werden die für jeden Gebildeten notwendigen Grundlagen gelegt und die Bausteine zusammengetragen; frei von diesem Zwange soll das reifere, aber für selbständiges Arbeiten noch nicht reife Alter unter Anleitung der Lehrer erlernen, wie es, die eigenen Neigungen bevorzugend, das erwor- bene Material verwendet und die Grundlagen ausbaut.

Dass es für uns besonders von Wichtigkeit ist, in den Jahren, in denen sich die heranwachsende jugend so gern über sich täuscht, sich das fertige Urteil andrer aneig- net und als selbstgewonnen ansieht, noch im Zusammenhang mit unseren Mädchen zu bleiben, wie wir es in der Fortbildungsklasse bei den Knaben erstreben, braucht kaum betont zu werden. Grade in unserer Zeit der popularisierten Wissenschaft, glaubt jeder, über alles urteilen zu müssen. Die unheilvolle Art und Weise, in der oft noch recht hypothetische Dinge als gesicherte Resultate der Wissenschaft in Vorträgen und Zei- tungsartikeln der Sensationslust des Publikums vorgetragen werden, macht es zur dringen- den Pflicht, die jugend in der Zeit, in der sie urteilsfänig zu werden beginnt, wahrhaft aufzuklären, sie zu gewöhnen, nicht eher ein Urteil zu fällen, ehe die Vorbedingungen erfüllt sind, die es gestatten, ein solches auszusprechen. Und gilt das für jedes Gebiet, so gilt es gewiss für das religiöse, auf dem die Leichtfertigkeit des Aburteilens den Gipfelpunkt des Möglichen erreicht hat. Das ist die eine Seite derFrauenschule, die uns veranlasst hatte, eine eigene Anstalt an die höhere Mädchenschule an-