Jahrgang 
1915
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3. Außerer Verlauf des Schuljahres, Jeſte, Ausſlüge, Konferenzen.

Das neue Schuljahr begann am 21. April mit der Nachprüfung und Aufnahmeprüfung neu angemeldeter Schülerinnen. Ihr folgte um 12 Uhr eine allgemeine Konferenz, in der die neuen Mitglieder des Lehrkörpers vorgeſtellt und Verfügungen der vorgeſetzten Behörden bekannt gegeben wurden. Am Nachmittag fand die Einführung der Vorſchülerinnen in der üblichen Weiſe ſtatt. Am nächſten Tage wurde der Unterricht mit einer Feier im Feſtſaal eröffnet, bei der die neue Frauenſchulklaſſe zum erſten Mal zugegen war und die neu aufgenommenen Schülerinnen durch Handſchlag auf die Schulordnung verpflichtet wurden. Die Zahl der Schülerinnen betrug bei Beginn des Schuljahres:

396(85,2%) Evangeliſche 80(10,3%) Katholiſche 14(3,0%) Jüdiſche

7(1,5%) Diſſidenten.

Am 30. desſelben Monats wurden die Spielſtunden mit 110 Teilnehmerinnen eröffnet, die in zwei Abteilungen eingeteilt wurden und unter der Leitung von Fräulein Wenzel und Fräulein Bathe ſpielten.

Fräulein Bathe leitete zugleich die Veranſtaltungen der PfadfinderinnengruppeImmergrün, die am 2. Mai im Feſtſaal der Anſtalt eine gutbeſuchte Aufführung veranſtaltete.

Am 10. Mai beteiligten ſich eine Anzahl von Schülerinnen der erſten Klaſſen an der Sammlung für das Rote Kreuz, am 26. und 27. wohnte Profeſſor Dr. Natoleſy aus Raab in Ungarn ver⸗ ſchiedenen Stunden bei, und am 30. Juni war Fräulein Kämpfer von der höheren Mädchenſchule in Dillenburg beim Unterricht in drei Klaſſen als Zuhörerin zugegen.

Am 3. Juli begannen nach lehrplanmäßigem Schluß des Unterrichts die Sommerferien. Sie dauerten bis zum 3. Auguſt einſchließlich, und der Wiederbeginn des Unterrichts fiel ſomit in den Anfang des gewaltigen Kampfes, der uns ſeit den erſten Auguſttagen des vorigen Jahres in atemloſer Spannung erhält. Gegen Ende Juli hatte ſich ſchweres Wettergewölk am politiſchen Geſichtskreis unſeres Erdteils zuſammengezogen. Die dauernde Spannung zwiſchen Oeſterreich und dem benachbarten Serbien hatte ſich in der Mordtat von Sarajewo entladen, und die Folge davon waren die bekannten Ereigniſſe geweſen, die am 1. Auguſt zur Kriegsaufſtellung der Heere geführt hatten. Auch die friedliche Stätte unſerer Tätigkeit wurde mit in den Wirbel hineingezogen, der alle Kreiſe unſeres Volkes in den erſten Tagen des Kriegszuſtandes in unſerem Vaterlande ergriffen hatte. Nicht allein, daß ſofort einige Amtsgenoſſen zu den Waffen gerufen wurden, auch die Schule ſelbſt mußte ihre Räume für einige Tage zur Ausrüſtung und Einkleidung von Truppen hergeben, ſo daß der eben begonnene Unterricht wieder für einige Tage unterbrochen wurde. 6

Am 4. Auguſt hatten ſich Lehrende und Lernende zu gewohnter Stunde an der Stätte ihrer Tätigkeit zuſammengefunden, waren aber nach einer wirkungsvollen Rede des Direktors Dr. Horn über den Krieg und ſeine Bedeutung wieder entlaſſen worden. Auf den nächſten Tag fiel der allgemeine Buß⸗ und Bettag. Er war deshalb ſchulfrei. Am 6. hatte dann der Unterricht angefangen. Von den Lehrern waren Oberlehrer Staudenmaier und ordentlicher Lehrer Freſe ſofort zum Dienſt mit der Waffe einberufen worden, Profeſſor Ratzel folgte nach wenigen Tagen, um in Karlsruhe für den Sanitätsdienſt eingekleidet zu werden, ebenſo wurde Profeſſor Bethge einberufen und übernahm die Führung einer Kompagnie. Von den Lehrerinnen waren Fräulein Wenzel und Fräulein Hafkesbring am Nachmittag auf dem Südbahnhof bei der Verpflegung der Truppen tätig, während Fräulein Bathe eine ganze Schar von Schülerinnen der 1. und