Jahrgang 
1913
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angeſtellt werden, und weil dieſer ſehr wechſelt. Für Schülerinnen von Lyzeen kommt nur die Stellung der Poſt⸗ und Telegraphengehilfin und die der Eiſenbahngehilfin in Betracht. Die Gehälter betragen einſchließlich Wohnungsgeldzuſchuß 1500 bis 2300 M., Penſionsberechtigung nach 10 jähriger Dienſtzeit.

Die praktiſchen Ausſichten für eine Bibliothekarin ſind nicht günſtig, da es nur wenig Stellen gibt. Außerdem kommt die Anſtellung an Volksbibliotheken in Betracht, wo leitende Stellen mit 200 M. monatlich dotiert ſind.

Soziale Berufe. Arbeitsgebiete, die ſich in den letzten Jahren ſehr entwickelt haben, um⸗ faſſen die ſog. ſozialen Berufe: die Beſchäftigung der Frauen in der Armen- und Waiſenpflege, Trinkerfürſorge, als Polizeiaſſiſtentinnen, Fabrikpflegerinnen, in den ſtädiſchen Arbeitsnachweiſen, den Zentralen für Säuglingsfürſorge und Mutterberatung, als Landpflegerinnen uſw. Die Zahl der Lebensberufe, die in einer für den Lebensunterhalt ausreichenden Weiſe beſoldet ſind, iſt bis jetzt noch gering. Es wird dabei auf uneigennütziges Intereſſe am Beruf gerechnet. In der kirchlichen Wohlfahrtspflege(inneren Miſſion) ſind die Ausſichten günſtiger. Die ſozialen Berufe erfordern in ganz beſonderem Maße innere Befähigung. Sofern dieſe Berufe nicht eine akademiſche Vorbildung verlangen, bereiten die ſozialen Frauenſchulen darauf vor.

Für die Krankenpflege und den Geſundheitsdienſt fehlte es an dem nötigen Nach⸗ wuchs. Für die Schülerinnen höherer Mädchenſchulen, die eine gute Allgemeinbildung und tüchtige Sprachkenntnis mitbringen, ſind die Ausſichten im kaufmänniſchen Beruf nicht ungünſtig, nur müſſen ſie kaufmänniſch vielſeitig gebildet und begabt ſein.

Auch dem Handwerk ſtrömen jetzt Frauen zu.

In den häuslichen Berufen, dem ureigenſten Gebiet der Frau, liegen gerade für die ge⸗ bildete Frau die Erwerbsausſichten nicht beſonders günſtig. Die Ausbildung ſucht man am beſten auf guten Haushaltſchulen; ein einjähriger Kurſus bietet das Mindeſtmaß einer beruflich verwertbaren hauswirtſchaftlichen Bildung. Leiterinnen größerer wirtſchaftlicher Betriebe, wie Sanatorien, Kranken⸗ häuſer uſw. haben außerdem noch eine Volontärinnenzeit in einem Großbetrieb abzulegen. Auf land⸗ wirtſchaftlichem Gebiet herrſchen ähnliche Verhältniſſe.

Dieſe kurze Überſicht zeigt, welche zahlreichen Arbeitsgebiete den jungen Mädchen der höheren Stände heute offenſtehen. Jede Neigung, jede Begabung, jeder perſönliche Geſchmack kann bei der Berufswahl Befriedigung finden. Nur eins ſetzen alle Berufe voraus; gründliche, eingehende ſorgſame Erlernung. Je tiefer und beſſer die Bildung iſt, mit der das junge Mädchen in die Berufsarbeit eintritt, deſto größer ſind ſeine Ausſichten für eine gute, leitende Stellung. Darum ſollte keine Beſucherin einer höheren Mädchenſchule dieſe vor Abſolvierung der erſten Klaſſe verlaſſen.

Eltern, die ihre Töchter ein Lyzeum beſuchen laſſen wollen, iſt es dringend zu empfehlen, die Kinder gleich von der 10. Klaſſe an der betreffenden Anſtalt zuzuführen. Denn einerſeits iſt es immer ungünſtig, wenn eine Schülerin umgeſchult werden muß, die ſich gerade in den Geiſt einer Anſtalt und in einen beſtimmten Kreis von Mitſchülerinnen eingewöhnt hat, und andrerſeits gehen die Anforderungen derBeſtimmungen über den Eintritt in die 7. Klaſſe nicht unerheblich über das Ziel hinaus, das die Schülerinnen der Mittelſchulen in den erſten drei Jahren zu erreichen haben.

Keinesfalls aber ſollte eine Schülerin von einer Mittelſchule ſpäter aufs Lyzeum überzutreten verſuchen als zu Beginn der 7. Klaſſe(alſo nach Abſchluß von 3 Schuljahren). Die weiteren Lehr⸗ aufgaben der Lyzeen unterſcheiden ſich nämlich von denen der andern Schularten ſo erheblich, daß ein ſpäterer Übertritt im allgemeinen mit dem Verluſt eines Jahres verbunden iſt.