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Dann wurden die Schulgeſetze verleſen und die neuen 44 Schülerinnen durch Handſchlag darauf ver⸗ pflichtet. Hierauf machte der Direktor den Schülerinnen bekannt, daß eine Art Selbſtverwaltung der Schülerinnen eingeführt werden ſolle; die Lehrer träten in der Aufſicht zurück, die Schülerinnen müßten ſelbſt für Ordnuug und Zucht ſorgen. Beſtimmte Regeln wurden nicht gegeben, alles geſchah zunächſt verſuchsweiſe. Weder die Klaſſenführerinnen noch die auſſichtführenden Schülerinnen der beiden erſten Klaſſen haben ein Strafrecht gegenüber ihren Mitſchülerinnen. Die Sache hat ſich im großen und ganzen bewährt, doch kann die Oberaufſicht der Lehrer nicht entbehrt werden.
Die Zahl der Schülerinnen betrug bei Beginn des Schuljahres 591 und zwar waren:
485(82,06%) evangeliſch, 70(11,84%) katholiſch,
32(5,41%) iſraelitiſch und 4(0,69%) diſſidentiſch.
Gegen das Vorjahr war ein Rückgang um 36 Schülerinnen feſtzuſtellen, und in dem neuen Schuljahr wird ein weiterer Rückgang eintreten. Für dieſe Erſcheinung ſind verſchiedene Gründe an⸗ zuführen: 1. Die Erhöhung des Schulgeldes zu Oſtern 1910 für die drei unteren Klaſſen auf 200, für Auswärtige ſogar auf 300 Mk., rdenn erſt im Jahre 1905 das Schulgeld für alle Klaſſen von 100 auf 150 erhöht Mk. worden war; 2. die Eröffnung der Herderſchule zu Oſtern 1911, die naturgemäß der Humboldtſchule eine Reihe von e elnie aus dem Oſten wegnimmt;. 3. die Reform der Höheren Mädchenſchulen vom Jahre 1908 mit ihrer größeren Stundenzahl und mit ihren höheren Anforderungen im Rechnen und in der Mathematik. Welchen Einfluß die Reform der Mittelſchulen auf den Übergang von Schülerinnen der Mittelſchulen auf die Höheren Mädchenſchulen haben wird, läßt ſich noch nicht feſtſtellen. Wohl aber hat die Durchführung unſeres Lehrplanes in Mathematik zur Folge, daß für Oſtern 1912 keine einzige Abſolventin der Mittelſchule für unſere zweite Klaſſe angemeldet worden iſt, während es Oſtern 1911 noch 17 Schülerinnen waren. Auch für die übrigen Klaſſen iſt die Zahl der Anmeldungen gering: Oſtern 1910 hatten wir z. B. 68 Schülerinnen für die X. Klaſſe, Oſtern 1911 ſank die Zahl auf 38, und für Oſtern 1912 ſind 29 Schülerinnen angemeldet.
Am 19. April 1911 ſtarb unerwartet der Privatier Herr Robert Propach im 79. Lebens⸗ jahre. Er hat vom Sommer 1881 bis Oſtern 1905 dem Schulvorſtand unſerer Anſtalt angehört und zu aller Zeit(auch nach 1905) ein lebhaftes Intereſſe an dem Ergehen der Schule gezeigt. Er ver⸗ ſäumte kein Feſt und keine Aufführung der Schule und war uns jederzeit ein treuer Berater und Freund. Bei ſeinem Scheiden aus dem Schulvorſtand ſtiftete er in Gemeinſchaft mit Herrn Kotzenberg eine Summe zur Begründung eines Bücherprämienfonds. Die Schule wird dem Verſtorbenen ein treues Andenken bewahren.
Am 9. Mai fand auf Anordnung des Königlichen Provinzial⸗Schulkollegiums in unſerem Feſtſaal eine Vorfeier des 40 jährigen Friedensjubiläums(Kornblumentag) ſtatt, an der die Klaſſen I— VI teilnahmen. Vorher waren in den Klaſſen Kornblumen verteilt und Büchſen aufgeſtellt worden, in die jede Schülerin ein Geldſtück werfen konnte. Mit Kornblumen geſchmückt, betraten Lehrer und Schülerinnen den Feſtſaal. Allgemeine Geſänge wechſelten mit Vorträgen von Schülerinnen, die An⸗ ſprache hielt Herr Profeſſor Heinzelmann: er wies auf die für Deutſchland ſchmachvollen Friedens⸗ ſchlüſſe ſeit dem 30jährigen Krieg hin und hob hervor, daß Deutſchland erſt im Jahre 1871 ſeine Würde wiedererlangt habe. Dann gedachte er unſrer Dankesſchuld gegenüber den alten Kriegern, deren Opfermut wir die großen Errungenſchaften des Krieges verdanken, und richtete an die Schülerinnen die Mahnung, Bewahrerinnen der deutſchen Zucht, Scham und Sitte zu bleiben. Herr Kreuſcher, unſer Veteran, war leider durch Krankheit verhindert, an der Feier teilzunehmen.


