2. Bericht über die Lehrer. A. Die Veränderungen im Lehrerkollegium.
Mit dem Ende des vorigen Schuljahres schied unser langjähriger Direktor, Herr Geheimrat Dr. Ewald Bruhn, aus seinem Amte. Am ersten Tage des neuen Schuljahres, am Mittwoch, den 18. April, sprach der Berichterstatter vor versammelter Schulgemeinde folgende Abschiedsworte:
Das Goethe-Gymnasium beginnt das neue Schuljahr unter denkbar ungünstigen Umstünden: Die Anstalt ist verwaist; Herr Geheimrat Bruhn, der bei der Progressionsfeier vor den Ferien uns ein frohes Wiedersehen nach den Ferien glaubte in Aussicht stellen zu können, ist endgültig aus dem Amte als Direktor des Goethe-Gymnasiums geschieden. Vor zwei Tagen, am Montag, kam die Mitteilung, dass der Herr Minister den Antrag der Stadt, ihn bis zum Amtsantritt des neuen noch immer unbekannten Direktors in seiner Stellung zu belassen, nicht genehmigt hat. Dadurch ist Herrn Geheimrat die Möglichkeit genommen, sich persönlich von uns zu verabschieden. Er hat mir statt dessen einen Brief übergeben, den ich zunächst vorlesen möchte:
.„Verehrte Herren Kollegen! Liebe Schüler! Die Entscheidung des Herrn Ministers macht es mir unmöxglich, persönlich Abschied zu nehmen; so will ich schriftlich das aussprechen, was ich gesagt haben würde, wenn diese Entscheidung schon bei der Progressionsfeier vorgelegen hätte.
Ich danke Ihnen, meine Herren Kollegen, dafür, dass Sie es mir ermöglicht haben, acht schöne Lehrerjahre hier zu verleben; ich danke Ihnen für den freundlichen Einklang, der alle diese Jahre hindurch zwischen uns bestanden hat.
Und wenn diese Lehrerjahre so schön waren, danke ich es Euch, liebe Schüler, Eurem frohen und freund- lichen Entgegenkommen, das mich erfreut hat in den Lehrstunden und auf dem Spielplatz, wenn mir die Kleinen ihre Händchen entgegenstreckten. Möge der Geist freundlichen Vertrauens zwischen Lehrern und Schülern, der Geist unseres Begründers Karl Reinhardt, aueh in Zukunft alle Zeit am Goethe-Gymnasium herrschen!
Mit diesem Wunsche scheidet von der Schulgemeinde Dr. Ewald Bruhn.
Auch wenn der ungünstige Bescheid des Ministers schon vor den Ferien bekannt gewesen würe, würde Herr Geheimrat Bruhn nur im engsten Kreise der Schulgemeinde Abschied genommen haben; alle öffentlichen Ehrungen und Reden, wie sie anderwärts bei einer solchen Gelegenheit üblich sein mögen, hatte er sich mit Dank, aber auch mit Ent- schiedenheit verbeten. Es wäre deshalb auch nicht in seinem Sinne, wollte ich heute seinem Wunsche zuwiderhandeln. Ich darf aber wohl das eine sagen: Wir sind ihm zu unauslöschlichem Dank verpflichtet, dass er vor nunmehr acht Jahren sein Amt als Provinzialschulrat in Berlin aufgegeben hat, um die Leitung des Goethe-Gymnasiums zum zweiten Male zu übernehmen. Wer weiss, ob das älteste Reformgymnasium die Stürme dieser Zeit so überstanden haben würde, wenn nicht ein Ewald Bruhn es betreut hätte. Den Verlust, den die Schule, und zwar Lehrer wie Schüler, durch den Abgang dieses einzigartigen Mannes erleidet, werden wir in seiner ganzen Grösse nur allmählich erkennen. Zunächst steht uns ein Interregnum von unbestimmter Dauer bevor, das er gerade der Anstalt ersparen wollte, und heute schon häufen sich die Schwierigkeiten bergehoch.
Der schönste Dank, den wir ihm für alles, was er dem Goethe-Gymnasium gewesen ist, abstatten können, ist der durch die Tat. Wir wollen die Arbeit des neuen Schuljahres in seinem Sinne beginnen und durchführen, als ob er noch persönlich unter uns weilte.
Wir wünschen ihm, dass ein freundliches Geschick ihn noch viele Jahre vor den Beschwerden des Alters bewahren möge, und bekennen aus vollem Herzen:„Ewald Bruhn wird uns unvergesslich und unersetzlich sein“.
Außerdem sind folgende Veränderungen eingetreten:
Herr Studienrat Wießner wurde der Liebig-Oberrealschule, Herr Assessor Mackauer dem Gymnasium in Hôchst, Herr Assessor Dr. de Luca der Aufbauschule in Usingen, Herr Assessor Haas dem Kaiser-Wilhelms-Gymnasium, die Herren Referendare Dr. Kerber und Dr. Rang dem Lessing- Gymnasium überwiesen.
Zu Beginn des neuen Schuljahres traten in das Kollegium ein:
Herr Studienrat Dr. Schwarzhaupt(éseither an der Mertonrealschule), Herr Studienrat Dr. Zenetti(seither an der Ziehen-Oberrealschule), Herr Assessor Elgert-Eggers(seither am Gymnasium in Rinteln), Herr Assessor Komarek(seither am Gymnasium in Höchst) und als Nach- folger für Herrn Rabbiner Dr. Gottschalk Herr Rabbiner Dr. Lazarus.
Herr Studienrat Dr. Zenetti berichtet über seinen Lebenslauf folgendes:
Ludwig Zenetti, katholischen Bekenntnisses, wurde am 23. April 1887 zu Frankfurt a. M. geboren, besuchte die Klinger-Oberrealschule, studierte in Marburg und München Mathematik, Physik, Botanik, Zoologie und Philosophie und bestand am 17. Februar 1912 das Staatsexamen. Die beiden Vorbereitungsjahre leistete er von Ostern 1912 bis Ostern 1914 am Goethe-Gymnasium und an der Adlerflychtschule ab und war dann bis zum Kriegsbeginn an mehreren höheren Schulen Frankfurts aushilfsweise tätig. Nach der Entlassung aus dem Heeresdienst im Dezember 1915 unterrichtete er am Goethe-
1
4


