Jahrgang 
1903
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findet. Auch darf man sagen, daß die homerische Sprache zu farbenreich, zu wechselnd, zu duftig ist, als daß man die für den Anfänger immer notwendigen Exerzitien an ihr treiben möchte. Überhaupt aber scheint die entwickelte, einheitliche, vervollkommnete Kunstsprache, gerade weil sich vieles in ihr abgeschliffen hat, leichter zu lernen, als eine auf ursprünglicherer Stufe stehende, die für den Sprachhistoriker das größere Interesse bietet. Dies sind die Gründe, die uns einstweilen abhalten, dem Rate eines Mannes zu folgen, dem wir so viel verdanken. Wohl aber folgen wir ihm in dem, was er gleichfalls als eine Hauptsache bezeichnet, daß wirkeine Zeit an die Lektüre von gemachtem Griechisch verlieren, und nicht minder der Mahnung, davon abzulassen, die attische Schriftsprache als die gewissermaßen allein berechtigte, musterhafte, klassische zu betrachten, alles andere aber als Abweichung von der Regel. Sobald jene Vorstufe überwunden ist, im zweiten Jahre des griechischen Unter- richts, findet der Übergang zu Homer und später zu Herodot statt, und hierbei wird versucht, so weit es auf der Schule möglich ist, auch einen Einblick in die geschichtliche Entwicklung der Sprache zu geben

Bedeutende Förderung hat unser griechischer Unterricht durch das Lesebuch von Wilamowitz erfahren. Es ist in allen vier Primen benutzt worden; in welchem Umfang, zeigen die libersichten S. 6 u. 9. Die Lektüre größerer einheitlicher Werke, wie der platonischen Dialoge, auch so umfangreicher wie Gorgias und Phädon, zusammenhängender Partien aus Herodot und Thukydides und der Dichterwerke ist durch das Buch, keines- wegs verdrängt worden. Aber im übrigen hat es in unserer Lektüre bereits einen breiten Raum eingenommen. An der Hand dieses Unterrichtswerkes gelingt es wirklich besser als bisher, den Schülern die großen Zusammen- hänge des antiken Kulturlebens lebendig zu machen und historischen und philosophischen Sinn in ihnen zu wecken. Die Lehrer bereiteten sich auf diesen Unterricht durch gemeinsame Leseabende vor, die von der altsprachlichen Sektion des Hochstifts veranstaltet wurden; an der Leitung dieser Besprechungen haben sich aus unserem Kollegium beteiligt die Herren Oberlehrer Dr. Bruhn(dreimal), Dr. Bölte(zweimal), Dr. Drüner(viermal) und Dr. Pappritz(zweimal). Von den Schülern lasen manche auch außer den in der Schule durchgenommenen Stücken größere Teile privatim.

Die Ausarbeitung der Lehrpläne für die einzelnen Fächer wird entsprechend den gesammelten Erfahrungen gefördert. Wir hoffen, im nächsten Jahre so weit zu sein, daß wir sie durch den Druck allgemein zugänglich machen können.

7. Erweiterungsbau.

Die oberen städtischen Behörden sind auf Antrag des Kuratoriums dem Plane nähergetreten, einen Erweiterungsbau für unsere Anstalt auszuführen. Ein an unseren Schulhof anstoßendes Nachbargrundstück ist zu diesem Zwecke bereits erworben worden. Es ist beabsichtigt, in diesem Erweiterungsbau die Räume für den naturwissenschaftlichen Unterricht sowie den Zeichensaal unterzubringen, da die in unserem jetzigen Gebäude für diesen Unterricht bestimmten Zimmer sich als durchaus unzureichend erwiesen haben. Die Anstalt war ursprünglich nur als 9-klassiges Gymnasium geplant. Die fortschreitende Entwicklung hat schon jetzt dahin geführt, daß wir 15 Klassen haben. Der Unterrichtsbetrieb hat sich unter diesen Umständen ganz anders gestaltet, als man bei der Gründung der Anstalt annahm. Die große Zahl der Anmeldungen für die Sexta, die in diesem Jahre über 60 hinausging, läßt es sogar als möglich erscheinen, daß auch die drei unteren Klassen später geteilt werden müssen. Den städtischen Behörden, die so bereitwillig die Bedürfnisse der Anstalt haben berücksichtigen wollen, sei wärmster Dank ausgesprochen.