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war. Der Andrang zu diesen Klassen ist zwar ein Beweis dafür, daſs der Frankfurter Lehrplan in immer weiteren Kreisen der Bürgerschaft Billigung und Anerkennung findet; er führte aber zunächst zu Erörterungen in der Offentlichkeit, bei denen die städtische Schulverwaltung und der Direktor für Dinge verantwortlich gemacht wurden, die auſserhalb ihrer Macht lagen. Doch waren diese Erörterungen nicht ohne günstige Wirkung, denn sie beschleunigten den Beschlufs, das im Bau befindliche Schulhaus um so viele Räume zu erweitern, dafs von Ostern 1897 ab die Untertertia und die weiter aufsteigenden Klassen bei vorliegendem Bedürfnis in Parallelcoeten geteilt werden können. Es werden also alle Wünsche der Eltern erfüllt, und diejenigen Schüler, die in diesem jahre keine Aufnahme in die Sexta des Gymnasiums gefunden haben, können nach drei Jahren, wenn der eigentliche Gymnasial- kursus beginnt, in die Untertertia eintreten. Wir können diese Gelegenheit nicht vorüber- gehen lassen, auch an dieser Stelle den oberen städtischen Behörden den wärmsten Dank auszusprechen für das Wohlwollen und die Fürsorge, die sie unserem Unternehmen und der sich neu entwickelnden Anstalt in jeder Weise zu teil werden lassen.
Ob die Eröftnung des neuen Schulgebäudes schon im Herbste dieses Jahres unter den veränderten Verhältnissen mõglich ist, läſst sich einstweilen noch nicht übersehen; man wird sich wohl mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daſs das Gebäude erst Ostern 1897 seinem Zwecke übergeben werden kann. Schon jetzt ist durch einen Beschlufs des Magistrats, mitgeteilt durch Verf. des Kuratoriums vom 21. August 1895, bestimmt worden, daſs bei der Trennung des Gymnasiums die in den Neubau zu verlegende jetzige Abteilung I später den Namen Goethe-Gymnasium, die in der Junghofstraſse verbleibende jetzige Abteilung II den Namen Lessing-Gymnasium führen soll.
Wir haben nunmehr das erste Jahr des lateinischen Anfangsunterrichts der Unter- tertia hinter uns, und wir dürfen mit Freude aussprechen, daſs die Erwartungen, die wir auf dieses erste Jahr gesetzt haben, erfüllt, ja übertroffen sind. Die Schüler, auch die Schwächeren unter ihnen, haben mit grofsem Eifer den neuen Gegenstand angefaſst, und dieser Eifer hat sich im Verlauf des Jahres nicht abgeschwächt, vielmehr erhöht. Es hat einen besonderen und sich steigernden Reiz für diese Knaben, zu beobachten, wie fast die meisten Worte der Französischen und so zahlreiche Ausdrücke unserer eigenen Sprache im Lateinischen ihren Ursprung haben. Diesen Schülern offenbart sich in einer Zeit, wo sie Sinn und Begriff für dergleichen Beobachtungen haben, der mächtige Zusammenhang unserer Sprache und Kultur mit dem Altertum, und so entsteht ein Anreiz zum Lernen, der nicht zu unterschätzen ist. Auch für die schnelle und sichere Aneignung eines groſsen Vokabelschatzes hat es sich als bedeutender Vorteil erwiesen, daſs nur wenig Worte vor- kommen, bei denen sich nicht eine Beziehung zum Französischen oder zu bekannten deutschen Fremdworten oder zu Ausdrücken herstellen lieſse, die im Geschichtsunterricht bereits be- kannt geworden sind.
Das Ziel, das wir uns gesteckt hatten, die regelmäſsige und unregelmäſsige Formen- lehre im ersten Jahre zur Aneignung zu bringen, ist erreicht worden. Dabei sind zugleich die wichtigeren syntaktischen Regeln, die sich mit den Formen verbinden, erklärt und ein- geprägt worden. Für die Aufgaben, die uns gestellt waren, haben sich das Lesebuch und
die zugehörige Wortkunde, die Herr Oberlehrer Dr. Wulff, zwar im Anschlufs an die 6*


