Jahrgang 
1914
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In den großen Ferien wohnten eine ganze Reihe von Schülerinnen der oberen Klaſſen unter Führung des Herrn Prof. Dr. Bernhardt und des Geſanglehrers Herrn Laepple den weihevollen Feſtvorſtellungen des Deutſchen Schillerbundes in Weimar bei. Die ſchönen feſtlichen Tage in Weimar und Eiſenach werden den Teilnehmenden unvergeßlich bleiben.

Am 13. Auguſt 1913 verſchied das hochverehrte frühere Mitglied des Lehrkörpers, Herr Profeſſor Dr. Friedrich Georg Kinkelin. An ſeinem Sarge hielt der Berichterſtatter am 15. Auguſt folgende Gedächtnisrede:

Voll Wehmut, d. h. in dem aufrichtigen Doppelgefühl der Trauer und der Dankbarkeit, widme ich im Namen des Lehrkörpers der Eliſabethenſchule dem hochverdienten und hoch verehrten Herrn Profeſſor Dr. Georg Friedrich Kinkelin an ſeinem Sarge einen letzten Scheidegruß.

Ein ganzes Menſchenalter, dreißig Jahre hindurch, von 1876, dem Jahre, in dem die Eliſabethenſchule als ſelbſtändige Anſtalt von der Muſterſchule abgetrennt wurde, bis zum Herbſt 1906, hat der treffliche Gelehrte, Lehrer und Erzieher in unermiüdlicher Pflichttreue und Gewiſſenhaftigkeit, in unverfälſchter Liebe zu der ihm anvertrauten Jugend, in unparteiiſcher Gerechtigkeit, in opferfreudigem, echt kollegialem Sinne, in treueſter Hingabe an ſeine Lieblings wiſſenſchaft, die Naturwiſſenſchaft, mit redlichem und rührigem, zähem und zielbewußtem Fleiß unabläſſig an ſich und für andere arbeitend, mit reichem Erfolge und in ſtetem Segen an der ehrwürdigen, älteſten höheren Mädchenſchule Frankfurts gewirkt. Die Reinheit und Vornehmheit ſeiner Geſinnung, ſein bedeutendes Wiſſen, ſeine unter nur vorübergehender Härte und Herbheit immer wieder ſieghaft hervorleuchtende Güte und Milde, ſeine mannhafte Geradheit und Wahr haftigkeit, in der er ſich von allem Hader und Haß fernhielt, ſein goldener Humor, der über alles Alltägliche, alles Unbedeutende und Kleinliche erhaben und ſonnig lächeln konnte, haben ihm die Hochſchätzung und Verehrung ſeiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gewonnen, das Herz ſeiner Schülerinnen erobert. Die Wiſſenſchaft iſt ihmeine hohe, himmliſche Göttin ge weſen, und bei ſeiner nie ermattenden Beſchäftigung mit derſüßen heiligen Natur hat er ſicherlich oft die beglückende Wahrheit des Dichterwortes erfahren:Ob ich mich gräm', ob freue, du bleibſt mir treu, Natur. Warme, begeiſterte Liebe zur Natur, die ihn bis zum Ende ſeines reich ausgewirkten Lebens durchdrang und durchglühte, hat er zahlreichen Schülerinnen tief in die Seele geſenkt; allen iſt er durch ſeine geſamte, ſcharf ausgeprägte Perſönlichkeit, durch ſeinen lauteren, makelloſen Charakter als ein echter und rechter Erzieher Vorbild und Beiſpiel geweſen und auch über die Schulzeit hinaus geblieben.

So dankt ihm die Schule, ſo danken ihm die früheren Schülerinnen, ſo danken ihm die früheren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von ganzem Herzen für alles, was er ihnen ge⸗ weſen iſt, und ſo werden ſie ſeiner auch über ſein Grab hinaus in Treuen gedenken, denndas Gedächtnis des Gerechten bleibt in Segen. Zum Zeichen ſolcher Dankbarkeit und ſolchen Gedenkens lege ich dieſen Kranz an der Gruft des edlen Mannes nieder. Er ruhe in Frieden!

Die am 2. September veranſtaltete Sedanfeier war zugleich eine Feier des hundertjährigen Todestages von Scharnhorſt und Körner. Die Gedächtnisrede hielt der Direktor.

Das Winterhalbjahr wurde am 14. Oktober mit einer Feier in der Aula eröffnet. In ſeiner Anſprache begrüßte der Direktor den nunmehr zum Oberlehrer an der Eliſabethenſchule ge wählten Herrn Karl Günther und verpflichtete ihn durch Handſchlag für ſeine weitere Tätigkeit.

Am 17. Oktober beging die geſamte Schule mit zahlreichen Eltern und Angehörigen der Schülerinnen bei herrlichſtem Wetter die Jahrhundertfeier der Schlacht bei Leipzig in dem lieblich gelegenen Wilhelmsbad bei Hanau. Das Programm bot: Turneriſche Übungen, Turnſpiele, Geſangs vorträge und die Aufführung zweier von vaterländiſchem Geiſte durchwehten Theaterſtücke(Die gnädige Frau von Paretz undDer Kurmärker und die Picarde), ſowie eine kurze Begrüßungsanſprache des Direktors. An eine Reihe von Schülerinnen wurden im Auftrage der vorgeſetzten Behörden Bücher als Prämien verteilt. Die ganze Veranſtaltung erweckte in allen Teilnehmern die hellſte Begeiſterung und die fröhlichſte Stimmung.

Vom 12.14. November fand eine Reviſion der Schule durch Herrn Provinzial-Schulrat Prof. Dr. Unruh ſtatt. Der Dezernent wohnte dem Unterricht in allen Klaſſen bei. Auch Herr Stadtrat Dr. Ziehen und Herr Stadtſchulrat Dr. Lüngen beehrten in dieſen Tagen die Anſtalt mit ihrem Beſuch.